Arbeitszeugnisse: Wenn schon, dann richtig!

Jeder Arbeitnehmer in Deutschland hat das gesetzliche Recht auf ein qualifiziertes Arbeitszeugnis. Also könnte man annehmen, dass Arbeitszeugnisse ein zentrales Element bei Personalentscheidungen sind. Doch tatsächlich wird die Aussagekraft von Zeugnissen eher als gering eingeschätzt. Wer ist daran schuld und muss das sein?

Ich habe mich wirklich bemüht einen interessanten Artikel zu schreiben! Dafür habe ich ein Lob verdient, finden Sie nicht? Das Verb „bemühen“ wird im Duden unter anderem definiert mit „sich anstrengen, einer Aufgabe gerecht zu werden, sie zu bewältigen“. Eine durchweg positive Aussage. Mittlerweile jedoch, wenn wir „Er hat sich bemüht“ sagen, meinen wir eigentlich: „Er hat komplett versagt! Der gute Wille war vielleicht da, aber es hat hinten und vorne nicht gereicht.“

Zu verdanken haben wir das einem Instrument unseres Arbeitsmarktes, durch das über die Zeit sozusagen eine eigene Sprache, ein nicht geheimer Geheimcode, entstanden ist: Dem Arbeitszeugnis. Jeder Arbeitnehmer hat einen rechtlichen Anspruch darauf. Im Prinzip eine gute Sache. Es muss wahrheitsgemäß sein, aber gleichzeitig auch wohlwollend formuliert und darf den Arbeitnehmer nicht unnötig in seinem beruflichen Fortkommen behindern. Was aus „hat versagt“ ein „hat sich bemüht“ werden lässt. Jetzt kann man natürlich einwenden: Wenn ich einen gänzlich unmotivierten und unfähigen Mitarbeiter in seinem Zeugnis auch so nenne, in sachlichem Ton natürlich, dann ist das sowohl wahrheitsgemäß, nicht böse und auch nicht unnötig. Alles korrekt also. Aber wer möchte darüber, nachdem man sich endlich vom Underperformer trennen konnte, noch einen langwierigen Rechtsstreit führen? So heißt es lieber „raus mit Applaus“, der Mitarbeiter bekommt eine zwei minus ins Zeugnis geschrieben und man ist froh, dass sich nun ein anderen Arbeitgeber mit ihm herumschlagen muss.

In den allermeisten Fällen werden Arbeitszeugnisse aus den vorgefertigten Satzbausteinen zusammengestellt. Die Bewertung ergibt sich aus Feinheiten der Formulierung, aus einzelnen Wörtern oder deren Nichtvorhandensein. Entweder hat man eine Software dafür oder nutzt seine Word-Vorlage, die im Nachgang ans Abendseminar „Arbeitszeugnisse schreiben leicht gemacht“ herumgeschickt wurde. Das Ergebnis: rechtlich unangreifbar, aber nichtssagend. Und zwar nicht nur im Falle schlechter Mitarbeiter, sondern auch bei den guten. Oder finden Sie die Bewertung „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“ für jemanden angemessen, der durch seine Leistungen regelmäßig die ganze Firma begeistert hat? Je größer das Unternehmen desto stärker standardisiert sind auch die Prozesse bei der Zeugniserstellung, da bleibt für eine individuelle Note kaum Platz.

Wenn kaum Aufwand und Sorgfalt in das Schreiben von Arbeitszeugnissen gesteckt wird, sollte man als logische Folge wohl auch nicht besonders viel Aufwand ins Lesen stecken. Es hätte gar keine Bestätigung durch eine Studie der Ernst-Abbe-Hochschule Jena dazu gebraucht, um herauszufinden, dass Zeugnisse hinter Lebenslauf und Anschreiben das mit Abstand am wenigsten beachtete Element einer Bewerbungsmappe sind. Weniger als drei Minuten pro Bewerbung wird durchschnittlich in die Analyse von Zeugnisse gesteckt. Ein Ergebnis der Studie ist dabei besonders entlarvend: Nur die Hälfte aller Unternehmen stuften die Aussagekraft der selbst geschriebenen Zeugnisse als „hoch“ oder „sehr hoch“ ein. Im Prinzip könnte man sich das Dokument in vielen Fällen schenken und allen Beteiligten so ein paar wertvolle Minuten sparen.

Die Autoren der Studie schlagen drei radikale, gesetzliche Lösungen für die Problematik vor: Entweder die Zeugnisse komplett abschaffen, oder auf eine reine Tätigkeitsbeschreibung beschränken, oder für die Bewertung eine allgemein gültige Skala verwenden. Leider liegt dieses Vorgehen nicht in unserer Hand. Solange die Rechtslage ist, wie sie ist, müssen Sie wohl oder übel jedem scheidenden Mitarbeiter ein übliches Zeugnis in Prosa verfassen. Was Sie aber sehr wohl in der Hand haben, ist: Ob die Arbeitszeugnisse, die Sie verfassen, das Lesen wert sind. Der gesetzliche Rahmen bietet genügend Rahmen für Individualität, auch ohne gleich einen Prozess zu riskieren. Vielleicht hilft es, daran zu denken, dass bei Arbeitszeugnissen der wahre „Kunde“ nicht der Ex-Mitarbeiter ist, mit dem Sie gedanklich möglichst schnell abschließen wollen. Sondern Ihr Kollege im anderen Unternehmen, der Personaler oder die Führungskraft, der oder die das Gleiche möchte wie Sie: Gute Personalentscheidungen treffen. Und wenn jeder von uns mit diesem Gedanken im Hinterkopf in Zukunft ein bisschen mehr Aufwand und Liebe in seine Arbeitszeugnisse steckt, dann können Zeugnisse vielleicht wieder ein richtig gutes Instrument für die Personalauswahl werden.

Ich bedaure sehr, dass dieser Artikel hier schon zu Ende ist und danke Ihnen für die aufmerksame Lektüre. Für Ihre persönliche und berufliche Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute.

Ihr Sascha Frank

Bild: Fotolia – Poles

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