Auf dem Schleudersitz

Die aktuelle Saison der Fußball-Bundesliga geht zu Ende und nur noch sechs von 18 Trainern haben ihren Job behalten. Der Rest wurde meist Opfer der hohen Erwartungen, die die Vereine jede Woche erfüllen müssen. Fußballvereine sind beileibe kein Musterbeispiel für nachhaltige Personalpolitik. Ist die im schnelllebigen Bundesliga-Geschäft überhaupt möglich?

Freitag früh, Hauptversammlung der Mustermann AG. Die Aktionäre sind mit den Vorjahresergebnissen äußerst unzufrieden. 2.000 Anwesende fordern in Sprechchören – „Müller raus!“ – den Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden. Plakate mit wenig schmeichelhaften Sprüchen werden hochgereckt, die Stimmung heizt sich immer mehr auf und die Nervosität bei den Verantwortlichen steigt…

Was in der Wirtschaft (zum Glück) undenkbar wäre spielt sich regelmäßig in den Fußballstadien dieser Welt ab. Spieler und Trainer müssen sich nicht nur quartalsweise, sondern wöchentlich den erwartungsvollen Massen stellen, müssen 90 Minuten lang Höchstleistungen erbringen. Eine kurze Phase der Schwäche kann schon den Traum vom internationalen Geschäft platzen lassen oder gar den Abstieg in die Zweitklassigkeit bedeuten. Nur wenige, unkonzentrierte Minuten können eine ganze, tolle Saison bedeutungslos machen. Kein Wunder, dass die Vereine den immensen Druck regelmäßig dort kanalisieren, wo er sich am leichtesten Luft machen kann: Beim Trainer. Zwölf von 18 Klubs wechselten diese Saison den Trainer aus, mehrere Wechsel für die nächste Saison stehen schon fest. Manche Trainerbank gleicht eher einem Schleudersitz und ich frage mich, warum den Job überhaupt noch jemand machen will.

Bundesligavereine sind beileibe kein Musterbeispiel für nachhaltige und faire Personalpolitik. Natürlich werden auch Trainerverträge auf mehrere Jahre hin abgeschlossen. Aber wie oft werden sie wirklich erfüllt? Bei einigen Vereinen scheinen Trainerwechsel sogar Teil der Strategie zu sein. Der VfB Stuttgart verschliss in den letzten zehn Jahren neun Trainer und versucht damit offenbar tiefsitzende Fehler im System zu kaschieren. Ausnahmen von der Regel gibt es nur wenige: Thomas Schaaf sitzt seit elf Jahren auf der Trainerbank von Werder Bremen und hat mit seinem Verein schon einige Krisen überlebt.

Das Problem der Fußballvereine ist, dass sie während einer Saison kaum Handlungsmöglichkeiten haben. Der Transfermarkt ist geschlossen, Strategiewechsel verunsichern alle und Korrekturen im Detail wirken selten, schon gar nicht lassen sich damit wütende, enttäuschte Fans beruhigen. Deshalb muss meist der Trainer dran glauben. Mit einer Abfindung ist alles erledigt, man setzt ein klares Signal, der Neuanfang kann beginnen. Zumindest bis zur nächsten Krise.

Gibt es eine Alternative? Appelle an die Beteiligten, doch die Erwartungen zu zügeln und langfristiger zu denken, sind stets ungehört verhallt. Vielleicht täten die Fußballklubs gut daran, folgenden Rat zu beachten: Lasst euch bei der Trainerwahl mehr Zeit. Nehmt nicht irgendeinen großen Namen, der sich gut in der Presse macht. Wählt einen Kandidaten, der wirklich zur Vereinskultur und zur Strategie passt und mit dem ihr „gute und schlechte Zeiten“ durchleben könnt. Vielleicht wird ja aus dem Schleudersitz dann wieder eine richtig bequeme Bank.

Ihr Sascha Frank

(Bild: istockphoto – pxel66)

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