Darf ich du zu mir sagen? Ein bisschen Schizo ist gut für das Selbstbewusstsein

Es ist uns peinlich, wenn wir bei einem Selbstgespräch ertappt werden. Muss es aber gar nicht, Selbstgespräche erfüllen eine wichtige Funktion und haben großen Einfluss auf unser Denken und Handeln. Die förderliche Unterhaltung mit sich selbst will aber gelernt sein. Ein kleines Wörtchen kann einen großen Unterschied machen.

Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich mit mir selbst rede. Dann müssen wir beide lachen… Selbstgespräche gehören fest zu unserem Alltag, wir sind uns dessen aber kaum bewusst. Mit sich selber reden, was soll das überhaupt, schließlich bekommen wir ja ganz gut auch so mit, was unser Gehirn veranstaltet, auch ohne dass wir uns direkt ansprechen. Bringen Selbstgespräche wirklich etwas und wenn ja, was macht ein gutes Selbstgespräch aus?

Selbstgespräche können wir hauptsächlich bei kleinen Kindern beobachten. Sie brabbeln oder reden laut vor sich hin, ganz ohne Scham auch wenn andere anwesend sind. „Nein, du darfst das nicht“, sagen sie vor sich hin während sie vor der verbotenen Keksdose stehen oder sie sagen sich  beim Lego-Spielen jeden Arbeitsschritt laut vor – „Jetzt diesen Stein dorthin stecken.“. Damit geben sie sich selbst Halt und leiten sich an und übernehmen damit selbst die Rolle des Erziehers, von dem sie diese Sätze ja zum ersten Mal gehört haben. Mit zunehmendem Alter werden diese Gespräche zunehmend zu inneren Dialogen, nur wenn wir allein sind lassen wir uns auch zu laut vernehmbaren Aussagen hinreißen. Und schauen dann peinlich berührt, wenn doch jemand zugehört hat. Zu unrecht, ein gutes Selbstgespräch ist eine tolle Sache. Wenn man eine Kleinigkeit mit großer Wirkung beachtet.

Besonders interessant ist nämlich der Umstand, dass wir uns in Selbstgesprächen gerne in zweiter Person anreden, zum Beispiel wenn wir uns Mut machen wollen – „Los, Sascha, reiß dich zusammen, du schaffst das!“ – oder wenn wir uns selbst für einen Fehler zurechtweisen – „Mann, Sascha, du bist doch echt ein Idiot!“. Macht das einen Unterschied, ob wir „ich“ oder „du“ zu uns selbst sagen? Der Psychologe Ethan Kross von der University of Michigan hat diese Frage wirklich untersucht: Ja, es macht einen großen Unterschied. Kross ließ in einem seiner Versuche 89 Männer und Frauen in einem Bewerbungsgespräch begründen, warum sie für ihren Traumjob am besten geeignet seien. Sie hatten jedoch nur fünf Minuten Vorbereitungszeit, was zu wenig ist, um sich eine gute Argumentation zurechtzulegen. Der Hälfte gab er Anweisung, sich in der Vorbereitung selbst mit „ich“ anzusprechen, die andere Hälfte sollte „du“ und den eigenen Vornamen nutzen. Das Ergebnis war deutlich: Die „du“-Gruppe zeigte sich deutlich selbstsicherer, grübelte weniger und konnte eine unabhängige Jury von Ihren Qualitäten überzeugen. (Quelle: Psychologie heute)

So gesehen ist das ziemlich logisch. Wir tun uns wesentlich leichter damit, Freunden Ratschläge zu geben – „Du schaffst das schon!“ –, als uns selbst – „Ich weiß einfach nicht mehr weiter“. Wir schätzen Probleme anderer als weniger schwer ein als unsere eigenen Probleme. Als externer, emotional nicht involvierter Beobachter finden wir viel eher Lösungswege für eine schwierige Situation, als wenn wir selbst bis zum Hals darin stecken. Wenn wir uns selbst mit „du“ anreden, distanzieren wir uns sozusagen von uns selbst, nehmen eine externe Sichtweise ein, schlüpfen in die Rolle eines guten Freundes. Das macht es uns leichter, unsere Situation mit kühlem Kopf zu analysieren, unsere Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Und einem Lob oder Ansporn von „jemand anderem“ glauben wir nun mal mehr, als wenn die Aussage nur von uns selbst kommt.

Der Psychologe Kross fand anhand von Hirnmessungen sogar heraus, dass Selbstgespräche in zweiter Person Zweifel oder Angst nicht nur reduzieren während wir in einer schwierigen Situation sind, sondern auch noch danach. Man steht ein Problem nicht nur durch, sondern findet hinterher auch, dass „du das richtig souverän gemeistert hast“. Selbstgespräche, vor allem in zweiter Person, sind also gar nicht peinlich, sondern ein echt wirkungsvolles, kostenloses und einfaches Programm zur Steigerung von Motivation und Selbstvertrauen. Ein bisschen Schizophrenie schadet demnach nicht, ganz im Gegenteil. Seien Sie sich selbst ein guter Freund, machen Sie sich Mut, geben Sie sich Ratschläge, weisen Sie sich auch mal in Ihre Schranken, loben Sie sich. So wie ich: „Hut ab, mein lieber Sascha, dieser Blog-Artikel ist dir mal wieder ganz hervorragend gelungen!“

Ihr Sascha Frank

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