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Fitness-Tracking durch den Arbeitgeber: Wenn der Chef ein Schlaflied singt und Baldrian verabreicht

Es ist doch ein netter Zug, wenn sich mein Arbeitgeber um mich und meine Gesundheit sorgt und mir Hilfe anbietet. Neuerdings kann er dazu sogar mein Handy anzapfen, rund um die Uhr meinen Pulsschlag messen und nachts meinen Atemgeräuschen lauschen. Das klingt schräg, doch offensichtlich ist vielen Arbeitnehmern dabei gar nicht unwohl.

Kleinen Moment noch… Ich bin gleich bei Ihnen… Augenblick, habs gleich… So, jetzt. Ich musste noch kurz meinen Fitnesstracker festzurren. Der saß lose am Handgelenk und konnte meinen Puls nicht mehr korrekt messen. Und gerade kam eine SMS meines Arbeitgebers, dass seit 30 Minuten keine Vitaldaten mehr übermittelt worden seien und ich hätte noch 60 Sekunden Zeit das Teil wieder anzuziehen sonst würde mein diesjähriger Bonus um 10% gekürzt…

Na gut, etwas übertrieben. Aber so ähnlich soll es in einigen Jahren zugehen, wenn man den Prophezeiungen von Technik-Skeptikern Glauben schenken möchte. Der Trend, Mitarbeiter mit so genannten Wearables auszustatten und Gesundheitsdaten zu sammeln, würde unweigerlich im absolut gläsernen und erpressbaren Mitarbeiter enden. Deutschland, einig Datenschutzland.

Bei der Lektüre von Artikeln wie diesen klingen solche Zukunftsvisionen zuerst vielleicht sogar real. Der Londoner Anwältin Laura zum Beispiel, von der im verlinkten Artikel die Rede ist, macht es nichts aus, dass Ihre Kanzlei per App Ihre Telefonate analysiert um aus ihrer Stimmlage den Stresspegel zu ermitteln. Sie lässt auch ihren Schlaf aufzeichnen, ob er tief ist oder unruhig. “Wenn es ein Problem gibt, sollte der Arbeitgeber davon wissen.” sagt sie. Der für das Programm zuständige Mitarbeiter der Kanzlei freut sich: “Die App zeigt uns die Potenziale auf, die wir realisieren können, wenn wir mit unseren Mitarbeitern zusammen an ihrem Schlaf arbeiten.”

Erster Gedanke: Wow, und das macht sie freiwillig? Zweiter Gedanke: „Die macht das wirklich freiwillig. Laura scheint eine selbstbewusste junge Frau zu sein, top ausgebildet und mit hervorragenden Karrierechancen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie die „Überwachung“ gezwungenermaßen hinnimmt, weil sie sonst keinen Job bekäme. Dritter Gedanke: Das Tracking kann nicht nur dem scheinbaren Kontroll- und Optimierungszwang der Arbeitgeber dienen, offensichtlich versprechen sich die Mitarbeiter ebenso etwas davon. (Fragt sich nur, was.)

Auch hierzulande statten Unternehmen ihre Mitarbeiter schon mit Fitness-Armbändern aus, klinken sich über Apps in deren Smartphones ein, sammeln tagein tagaus Daten über Vitalfunktionen, sportliche Aktivitäten, Schlafgewohnheiten und so weiter. Auf freiwilliger Basis, natürlich. Die Daten werden anonymisiert gesammelt und ausgewertet, um zum Beispiel Gesundheitsprogramme zu entwickeln oder den Stresslevel der Belegschaft im Blick zu behalten. Wenn Sie sich wundern, warum Ihr Kollege auf einmal nicht mehr mit Ihnen im Lift fährt sondern Treppen steigt: Wahrscheinlich nimmt er an der wöchentlichen Schrittzähler-Challenge teil und hat noch einen Rückstand aufzuholen. Durch spielerische Ansätze wie diese versuchen die Arbeitgeber auch individuelles Verhalten zu verändern und Gesundheitsbewusstsein zu fördern. Die Mitarbeiter freut´s, der Speck geht weg und der Challenge-Sieger oder die Siegerin darf sich anerkennender Blicke sicher sein.

Warum soll mir mein Arbeitgeber auch nicht dabei helfen, gesund zu leben. Sofern ich das möchte. Yoga-Kurse in der Mittagspause, Fitnessstudios neben dem Büro und Betriebsärzte sind ja nicht neu. Doch ich gebe zu: Meinen Arbeitgeber „live“ über meinen Gesundheitszustand zu informieren und sogar im Bett mit dabeizuhaben, klingt für mich echt seltsam. Eigentlich waren wir früher doch immer froh, dass auf der Krankmeldung die Krankheit nicht genannt wird und man Montagmorgens hinter der Sonnenbrille unsere geschwollenen Augen nicht sah…

Wegen neuer technischer Möglichkeiten gleich das Ende der Arbeitnehmerrechte vorherzusagen? Finde ich etwas voreilig. Schauen wir doch mal, was daraus wird.

Und dann gibt es noch was, was mich nämlich wirklich interessiert: Was der Verantwortliche der oben erwähnten Londoner Anwaltskanzlei meint, wenn er sagt, dass „… wir mit unseren Mitarbeitern zusammen an ihrem Schlaf arbeiten.“ Fängt Laura Ihren Bürotag nach einer schlechten Nacht dann mit Entspannungsübungen und einer Gesprächsrunde über wiederkehrende Alpträume an? Oder singt der Chef am nächsten Abend ein Schlaflied und verabreicht Baldriantropfen? Das wäre doch was – rezeptfrei!

Ihr Sascha Frank

 

Bild: Fotolia – Sara Berdon

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