Intuition hat man nicht einfach, man muss sie trainieren

Ein Schiedsrichter muss in Sekundenbruchteilen entscheiden, ob er ein Foul pfeifen soll. Ohne Intuition: unmöglich. Gute Intuition wird nicht nur im Fußball hochgeschätzt, aber oftmals auch missverstanden. Wie entwickelt man überhaupt Intuition, wann sollte man sich auf sie verlassen, und – noch wichtiger – wann nicht?

Handspiel oder nicht Handspiel? Foul oder Schwalbe? Über so eine Entscheidung im Fußball kann man selbst nach der dritten Zeitlupe noch einen ganzen Abend lang trefflich debattieren. War es Absicht? War die Handbewegung natürlich oder unnatürlich? Hat der Spieler seine Körperfläche vergrößert? Hat er den Ball sehen kommen und hätte er noch genügend Reaktionszeit gehabt, um den Arm aus der Schusslinie zu bekommen? Wurde der Spieler unfair berührt oder hat er die Gunst der Stunde für Flugübungen genutzt?

Wie entscheidet der Schiedsrichter in so einem Fall eigentlich innerhalb von Sekunden, ob er pfeifen soll? Ob er Gelb oder gar Rot zeigen soll? Nimmt er im Kopf eine Situationsanalyse vor, gewichtet er alle Faktoren und wägt sie gegeneinander ab? Geht er eine Checkliste durch? Sicher nicht. Ohne Intuition wäre ein Schiedsrichter komplett verloren.

Was ist das eigentlich, Intuition? Intuition heißt nicht sich immer vom erstbesten Gefühl leiten zu lassen, immer emotional zu entscheiden. Sie ist, entgegen eines verbreiteten Missverständnisses, auch keine angeborene Gabe, kein siebter Sinn. Intuition ist ein durch eigene Erfahrungen antrainiertes, unterbewusstes Wissen. Irgendwann nach dem zigtausendsten gepfiffenen Foul weiß der Schiri einfach, ob ein Foul ein Foul ist oder nicht. Er kann die Stimmung auf dem Feld, die Spielsituation, die Absichten der beteiligten Spieler, die Flugbahn des Balles einschätzen, in Sekundenbruchteilen alles unterbewusst zusammenführen und reagieren. Er trifft eine gute begründete Entscheidung, nur dass er die Gründe selbst nicht wirklich kennt.

Unter Zeitdruck ist Intuition unschlagbar, aber nur dann

Sind intuitiv getroffene Entscheidungen immer die besten? Gegenfrage: Sind alle Schiedsrichterentscheidungen korrekt? Intuition ist dann unschlagbar, wenn man in einem Bereich große Erfahrung hat und in einer unübersichtlichen Situation innerhalb kürzester Zeit eine Entscheidung treffen muss. Hätte der Schiri mehr Zeit, könnte er länger mit seinen Assistenten diskutieren und auf den Videobeweis zurückgreifen, wie es in manchen Sportarten üblich ist, würde er seine spontan getroffene Entscheidung sicherlich oftmals korrigieren. Kann er aber nicht, weshalb es im Fußball die Tatsachenentscheidung gibt. Heißt: Der Schiri hat immer Recht, auch wenn er falsch liegt.

Je mehr Zeit und je mehr Informationen also für eine Entscheidung zur Verfügung stehen, desto unwichtiger wird tendenziell unsere Intuition. Außerdem neigen wir dazu, mit zunehmender Intuition eine eingeschränkte Sichtweise zu entwickeln und für alles sofort eine Schublade parat zu haben: Kenn ich schon, hab ich schon tausend Mal erlebt, immer das Gleiche! Nicht unbedingt hilfreich in einer komplexen Welt wie unserer. Manchmal ist Intuition auch einfach nur eine Ausrede für Denkfaulheit oder dafür, sich die Fakten so hinzubiegen wie man sie gerade braucht.

Zuerst gut überlegen und dann intuitiv entscheiden

Heißt das, dass demnach Intuition verzichtbar ist, wenn genügend Informationen vorhanden sind? Ebenfalls nein. Wie bereits erwähnt bringt teilweise auch eine Zeitlupe keine Klarheit. Zu viele verschiedene, sich teils widersprechende Eindrücke verwirren vielleicht noch mehr, statt Antworten zu liefern. Hier ist es letztlich wieder die Intuition des Schiedsrichters, die zählt.

Was lehrt uns dieser kleine Ausflug in die Welt des Fußballs, außer mehr Respekt vor der fast unmöglichen Aufgabe der Schiedsrichter? Wir alle sind stolz auf unsere Erfahrung, unsere erlernte Intuition. Das dürfen wir sein. In brenzligen Situationen, die eine schnelle Entscheidung erfordern, lassen wir unsere Intuition übernehmen. Solche Situationen sind jedoch eher selten, meist bleibt uns Zeit für Entscheidungen. Selbst wenn wir bereits eine starke Tendenz haben, sollten wir diese Zeit nutzen, um Informationen zu sammeln, uns im Team abzustimmen, zu überlegen. Vor allem sollten wir prüfen, ob die aktuelle Situation mit dem bisher Erlebten wirklich vergleichbar ist oder ob wir nicht ein entscheidendes Detail übersehen (wollen). Wenn die Analyse uns keine klare Entscheidung aufzwingt, wenn Interpretationsspielraum bleibt, lassen wir unsere Intuition das letzte Wort sprechen. Und – vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis –, wenn wir auf einem Gebiet keine Ahnung haben, sollten wir nicht unsere (nicht vorhandene, weil nicht erlernte) Intuition befragen, sondern jemanden, der sich damit auskennt. Den im echten Leben sind die wenigsten von uns halt Schiedsrichter.

Ihr Sascha Frank

Bild: Fotolia – Thomas Bethge

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