99% Füllmaterial

Wir nehmen das meiste unseres Wissens über das Lesen auf. Durch bestimmte Techniken kann man lernen, seine Lesegeschwindigkeit mehrfach zu erhöhen und so lange Texte in Sekunden zu erfassen. Schnelllesen macht sich die Tatsache zunutze, dass sich der Sinn eines Textes durch nur wenige Schlüsselwörter ergibt. Der Rest ist nur Füllmaterial und kann getrost überlesen werden.

Und, wie viel WpM schaffen Sie? Laut „Improved Reading“ liegt der deutsche Durchschnitt bei etwa 110 WpM. WpM, das heißt „Wörter pro Minute“ und bemisst die Lesegeschwindigkeit eines Menschen. Firlefanz, könnte man denken. Doch laut Schätzungen nehmen wir etwa 70% unseres Wissens durch Lesen auf. Und der durchschnittliche Arbeitnehmer liest drei bis dreieinhalb Stunden pro Tag. Heißt also: Könnten wir unsere Lesegeschwindigkeit erhöhen, würden wir in dieser Zeit sehr viel mehr lernen oder wir könnten die gesparte Zeit anderweitig einsetzen. Schneller lesen ist aber keine Begabung, sondern kann erlernt werden. „Speed-Reading“, „Turbolesen“ oder eben „Improved Reading“ nennt sich das dann. Hinter diesen Begriffen stecken Kursangebote und Techniken, mit denen Sie Ihre Lesegeschwindigkeit signifikant steigern können. Hätten Sie so einen Kurs bereits gemacht, wären Sie in diesem Augenblick schon bei einem ganz anderen Artikel und würden nicht erst hier am Ende des ersten Absatzes herum dümpeln.

Wichtig beim Schnellesen ist, sich vor dem Lesen einen Überblick zu verschaffen, worum es im Text überhaupt geht. Dann muss man seine gewohnte Lesetechnik komplett umstellen, nämlich das Wort für Wort lesen. Ebenso abgeschaltet werden muss das innere Mitlesen oder Mitmurmeln des Textes. Das ist die Lesebremse schlechthin. Im Grunde besteht jeder Text aus wenigen Schlüsselwörtern, durch die sich der Sinn des Inhalts ergibt. Alles andere ist nur schnödes Füllmaterial. Beim Schnellesen lernt man, immer größere Wortgruppen und immer mehr Zeilen auf einmal mit dem Auge zu scannen und darin die wichtigen Schlüsselwörter zu erfassen (Hier bekommt auch der Begriff „Blindtext“ eine ganz neue Bedeutung!). Dazu braucht es Übung. Mit der Übung überwindet man auch die im Grundschul-Deutschunterricht aufgebaute Angst, Relevantes zu verpassen, wenn man „schlampig liest“ und die ganzen Füllwörter übergeht.

Mit dieser Technik kann man seine Lesegeschwindigkeit in Regionen von 600 Wörtern pro Minute steigern. Das ist erwiesen. Bemerkenswert ist auch, dass sich durch das Schnellesen auch das Textverständnis erhöht. Offensichtlich lenken also die vielen Füllwörter eher von der Hauptsache ab, als dass sie zusätzlich Sinn stiften. Denkbar ist aber auch, dass man sich beim Schnellesen wesentlich mehr konzentriert als sonst.

Allerdings noch ein Wort zur Vorsicht: Schnelllesen kann zu Rückenproblemen führen! Wenn Sie nämlich in den nächsten Strandurlaub 10 Koffer voller Romane mitschleppen müssen, weil Sie pro Tag ein ganzes Dutzend verschlingen. Na gut, für den gemütlichen Lesegenuss ist Schnellesen also nichts. Schnellesen zielt rein auf die Wissensvermittlung ab. Gefühle, Spannung, Humor bleiben dabei komplett auf der Strecke. Was ja nicht stört, bei Gesetzestexten und Projektberichten. Beim Thriller aber schon. Oder bei dieser meiner Kolumne. Denn ich hoffe ja, dass ich Sie jede Woche für mehr als ein paar Sekunden gut unterhalten und inspirieren kann.

Ihr Sascha Frank

(Bild: fotolia – BullySoft)

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