Bereit zum Abschied sein und Neubeginne …

Rücktritte sind für Außenstehende meist überraschend, obwohl sie in den seltensten Fällen wirkliche Kurzschlussreaktionen sind. Den langen inneren und oft quälenden Kampf, der einem Rücktritt vorausgeht, tragen Führungskräfte nur mit sich selbst aus. Die Gründe für einen Rücktritt sind sehr vielfältig, ebenso die Reaktionen des Umfelds.

Wissen Sie noch? Erst Roland Koch, dann Horst Köhler – im Abstand von nur wenigen Tagen. Fast befürchteten wir, Deutschland sei wieder von einer Epidemie bedroht: der Rücktreteritis. Rücktritt war auf einmal das Thema, nicht nur politisch, auch gesellschaftlich und psychologisch. Warum tritt jemand zurück, wenn er so einen tollen Job hat und sich scheinbar großer Beliebtheit erfreut? War der vorgebrachte Grund wirklich die Ursache oder nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat? Ja und darf man denn überhaupt der eigenen Befindlichkeit wegen zurücktreten und seine Leute im Stich lassen?

Rücktritt – das war lange Zeit nur etwas für raffgierige, aber erfolglose Manager, die ihr Unternehmen nicht aus der Krise führen konnten und die Konsequenzen zogen. Es gab nur einen einzigen akzeptablen Grund: Versagen. Oder höchstens noch gesundheitliche Probleme, die einen Rückzug ins Privatleben nötig machten. Insofern ist die Debatte, die der Rücktritt Köhlers ausgelöst hat, der Sache dienlich.

Denn Rücktritt ist eine komplexe Angelegenheit. Der Arbeitspsychologe Michael Kastner hat sich in einem Interview auf Zeit online mit den Hintergründen und Motiven von Rücktritten befasst. Seiner Meinung nach seien sie keine abrupten Entscheidungen: „Das ist ein langer, innerer Prozess, der für die Außenwelt nicht erkennbar ist. Die Entscheidung eine Führungsposition aufzugeben, wird nicht über Nacht gefällt und hat auch selten einen einzigen Grund. Vielmehr ist sie der Schlusspunkt eines langen Prozesses, in dem Druck, Stress und Negativerlebnisse das Selbstwertgefühl massiv verletzt haben.“

Mit dem Aufstieg auf der Karriereleiter wachse auch der Druck, so Kastner, mehr und mehr zu arbeiten und permanent richtige Entscheidungen zu fällen. Kommen interne Machtkämpfe oder Krisensituationen hinzu, sei der Burn-out nicht mehr weit. Sind Betroffene erst einmal so weit, können vermeintliche Kleinigkeiten den Ausschlag geben. Kritik, die man sonst locker weggesteckt oder auf die man gekontert hätte, wird zum Stolperstein. Der letzte Rest Vertrauen ist zerstört, die letzte Hoffnung, das Ruder noch herumreißen zu können. So ähnlich mag es bei Köhler gewesen sein.

Während der Rücktritt für eine Führungskraft ein Schlusspunkt ist, markiert er für die Außenwelt eher einen Anfang. Manchmal ist er eine Befreiung. Für die Mitarbeiter aber auf jeden Fall der Beginn einer Zeit der Verunsicherung. Wer kommt als nächstes? Wie stecken wir die führungslose Phase weg? Kommen jetzt wieder radikale Veränderungen auf uns zu? Eine ganze Weile wird der Fokus von den Sachfragen abgelenkt, wichtige Entscheidungen ruhen erst einmal, bis die Personalie geklärt ist.

Im besten Falle wird ein Rücktritt für einen Neuanfang genutzt. Mit einer neuen Führung wächst auch die Chance, dass überfällige Änderungen angepackt und frischer Wind ins Unternehmen gebracht wird. In diesem Sinne möchte ich die Coaching Zone mit einem wunderbar passenden Auszug aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse beenden:

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in and’re neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Ihr Sascha Frank

(Bild: fotolia – jarma)

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