Big Brother in der Sauna

US-Amerikaner haben ein gänzlich anderes Verständnis von Datenschutz als Europäer – das ist seit langem klar. Eine Aussage des Autors Jeff Jarvis hat jetzt eine neue Debatte ausgelöst. Er mokierte sich darüber, dass wir Deutschen zusammen nackt in der Saune säßen, gleichzeitig aber das Treiben von Google Street View kritisch beäugten. Dieser Vergleich hinkt ganz gewaltig, finden wir!

Auf der re:publica 2010, DER deutschen Blogger-Konferenz, machte Jeff Jarvis jene streitbare Aussage. Den scheinbaren Widerspruch zwischen deutscher Saunakultur und deutschem Datenschutzrecht nannte er das „German Privacy Paradox“. Wer bisher noch nichts von der Sache mitbekommen hat kann sich hier und hier in das Thema einlesen. Jarvis findet es unverständlich, dass wir nichts dabei finden zusammen mit wildfremden Leuten nackt in der Sauna zu sitzen. Noch unverständlicher findet er, dass wir es als Verletzung unserer Privatsphäre ansehen, wenn Google Street View unsere Straßen und Häuser von außen fotografiert und als interaktive Karte im Netz anbietet. Nun mag der eine oder andere von uns seine ganz eigene Meinung zum Nacktzwang in deutschen Saunen haben.

Auch über die scheinheilige Prüderie der Amis können wir uns amüsieren. Tatsache ist aber: Der Vergleich von Jeff Jarvis hinkt ganz gewaltig. Damit dir das bei der nächsten Rede nicht wieder passiert, lieber Jeff, liefern wir dir ein paar abgewandelte Versionen deiner Geschichte, die die tatsächliche Situation viel besser erfassen:

  • Unter den Saunabesuchern haben einige Handys und Kameras mitgebracht, fotografieren und filmen heimlich die anderen nackten Leute. Anschließend veröffentlichen sie das Material im Internet.
  • Die Saunabesucher halten sich für unbeobachtet. Tatsächlich sitzen sie aber in einem Glaskasten, der nur einseitige Blicke von außen nach innen gestattet. Also sitzen sie eigentlich nackt vor den Augen der ganzen Öffentlichkeit.
  • Der Saunabetreiber hat in der ganzen Sauna heimlich Kameras installiert und filmt alle Besucher. Was er mit dem Filmmaterial macht, verrät er nicht so genau. Er behauptet, dass er das Gesicht der Saunabesucher in den Filmen unkenntlich macht, bevor er sie veröffentlicht.
  • Es gibt jedoch ein paar Eingeweihte, die von dem ganzen Treiben wissen. Sie gehen nicht in die Sauna oder wissen sich dort zu schützen. Keiner von ihnen hält es aber für nötig, die anderen aufzuklären.

So, lieber Jeff, sieht es nämlich in den Saunen – pardon: im Internet – aus. Natürlich wäre es schön, wenn alle Menschen ihr Wissen teilten und sich so eine bessere Welt schaffen ließe. Doch momentan ist es so, dass die einen ihr Wissen und ihre Privatsphäre verschenken – wissentlich und unwissentlich – und die anderen nur nehmen und hamstern. Und nicht mal sagen, was genau sie mit den gesammelten Daten anstellen wollen. Die These Jeff Jarvis´ würde nur zutreffen, wenn alle Menschen und Institutionen gleich transparent wären. Also nackt, um im Bild zu bleiben. Zumindest letzteres könnte doch irgendwann eintreffen, wenn die Amis mit ihrer Umweltpolitik die Welt weiterhin in eine globale Sauna verwandeln. Zumindest sind sie in dieser Sache konsequent, das muss man den Kollegen aus Übersee wirklich lassen.

Ihr Sascha Frank

(Bild: fotolia – Valery Shanin)

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