Burn-out: Wie Depressionen, nur cooler

Mit der scheinbaren Volkskrankheit Burn-out lässt sich viel Geld verdienen. Literatur, Therapien und Wellness-Reisen finden sich im Überfluss. Burn-out ist quasi die einzig akzeptierte psychische Erkrankung der Leistungselite. Dabei hängt das „echte“ Krankheitsbild nicht direkt mit Überarbeitung zusammen. Die Ursachen liegen meist tiefer, und dementsprechend schwierig sind sie zu behandeln.

Würden Sie öffentlich – vor Kollegen und im Bekanntenkreis – zugeben, dass Sie Depressionen haben? Zumindest würden Sie sich gut überlegen, wem Sie das erzählen. Psychische Erkrankungen sind stigmatisiert, werden als Schwäche ausgelegt. Und Burn-out? Burn-out ist cool. Wer nicht einmal im Leben an Burn-out gelitten hat, hat nicht wirklich was geleistet, hat sich für seinen Erfolg nicht wirklich ins Zeug gelegt. Burn-out, das ist die offizielle Aufnahme in die Klasse der Leistungselite. Und so kommt es, dass jede psychische Störung, jeder Erschöpfungszustand gerne in diese Schublade geschoben wird: Burn-out – die neue stylische Volkskrankheit.

Wer bei Amazon den Begriff „Burn-out“ eingibt, erhält über 2.300 Suchtreffer in der Rubrik Bücher. Das erste Ergebnis ist ein Buch mit dem Titel „30 Minuten gegen Burn-out“ und folgender Kurzbeschreibung: „Ausgepowert, seelisch verausgabt, ausgebrannt – jedes Jahr erleben tausende Führungskräfte, Manager, Selbstständige diesen Zusammenbruch ihres Leistungsvermögens. Dieses Buch gibt einen Einblick in die Hintergründe des Phänomens, stellt dar, wie das Burn-out-Syndrom entsteht, an welchen Merkmalen man es erkennt und welche Schritte man dagegen unternehmen kann.“ Ich habe das Buch nicht gelesen und kann es nicht bewerten. Aber die Beschreibung trifft das gängige Klischee der Managerkrankheit genau.

Es ist ein Glücksfall, dass gerade diese Zielgruppe eine Menge sauer verdientes Geld besitzt, das sie zur Heilung ihres Syndroms ausgeben kann. Spezielle Reisen, Wellness-Angebote sollen bei der Entspannung helfen, die Akkus wieder aufladen. Selbsttests, Selbsthilfegruppen und Therapeuten gibt es wie Sand am Meer. Wer bis zum Burn-out arbeitet kann sich gefälligst auch wieder selbst aus dieser Lage retten. Er braucht nur ein bisschen Ruhe.

Das ist ein Irrtum. Burn-out wurzelt oft in tieferliegenden psychischen Störungen oder Traumen, die nie verarbeitet wurden. Stress und Überlastung oder auch Mobbing können Burn-out auslösen, sind aber in den seltensten Fällen die Ursache. Körperliche Ausgebranntheit allein macht auch noch keinen Burn-out aus. Erst wenn emotionale Erschöpfung, innere Unruhe und Rückzug aus dem persönlichen Umfeld dazukommen, kann man „wirklich“ von einem Burn-out reden. Körperliche Beschwerden gehen oftmals damit einher. Da es aber kein klar definiertes Krankheitsbild gibt, ist die Diagnose schwierig. Burn-out ist eher ein Sammelbegriff für individuelle Reaktionen und kann deshalb bei jedem Menschen anders ausfallen.

Verkehrt ist es nicht, Ratgeber zu lesen oder sich Auszeiten zu gönnen. Aber Heilung darf man sich nicht davon erwarten. Ebenso sollten wir aufhören, Arbeitsüberlastung inflationär als Burn-out zu bezeichnen. Das lenkt nur von den wahren Problemen ab und hilft keinem – nur denen, die damit Geld verdienen. Wer seinen Dauerstress als Markenzeichen für Erfolg vor sich hertragen will, soll das gerne tun. „Echter“ Burn-out dagegen ist gar nicht cool!

Ihr Sascha Frank

(Bild: fotolia – milosluz)

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