Das Auge lacht mit

Übertriebene Freundlichkeit und Dauerlächeln sind uns Deutschen eher fremd und erzeugen eher Misstrauen, statt Sympathie. Auch im Bewerbungsprozess kämpfen zu fröhliche Kandidaten mit dem Vorurteil, oberflächlich und nicht ernsthaft zu sein, eine Schwäche überspielen zu wollen. Wie viel Lächeln ist also auf dem Bewerbungsfoto oder beim Vorstellungsgespräch noch vertretbar?

Wenn Sie wissen wollen, ob Ihr Gegenüber lügt, schauen Sie auf den Musculus orbicularis oculi. Laut Wikipedia steht diese Bezeichnung für einen „das Auge ringförmig umgreifenden Skelettmuskel, der dem Schluss der Lidspalte und damit auch dem Lidschlussreflex dient“. Der Orbicularis oculi ist extrem schwer zu kontrollieren und verrät daher unsere wahren Gefühle. Bei einem echten Lachen lacht das Auge mit, die Augenpartie verzieht sich und wirft kleine Falten. Beim unechten Lachen dagegen werden nur die Mundwinkel nach außen gezogen, der Rest des Gesichtes bleibt unbewegt. Meist ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Gegenüber etwas vortäuschen will oder etwas verbirgt.

Wir Deutschen gehen da jedoch noch einen Schritt weiter. Bei uns ist Lachen prinzipiell verdächtig. Zumindest in so seriösen Kontexten wie Business oder Politik. Wie ist es anders zu erklären, dass das Markenzeichen unserer Bundeskanzlerin phänomenal hängende Mundwinkel sind? Wer zu viel lacht, Spaß an der Arbeit hat und Fröhlichkeit verstrahlt, der geht doch seiner Tätigkeit sicher nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit nach. Oder er will uns unangenehme Dinge verkaufen und hofft, dass wir, geblendet von seinem Lachen, das nicht bemerken. Dieses Misstrauen fängt schon in wesentlich banaleren Situationen an. Wenn der Verkäufer hinter der Ladentheke übers ganze Gesicht strahlt, dann sicher nicht aus Freundlichkeit, sondern weil er sich diebisch freut, uns gerade über selbige Theke gezogen zu haben.

Für Bewerber bringt das einige Herausforderungen mit sich. Keiner möchte als Miesepeter rüberkommen. Andererseits will man mit seiner vollen Persönlichkeit und Kompetenz ernst genommen werden und alles vermeiden, wodurch der Gegenüber diese infrage stellen könnte. Beim Bewerbungsgespräch kann man sich mit einiger Menschenkenntnis noch darauf einstellen. Nach einer zurückhaltenden Startphase bekommt man ein Gespür dafür, wie der andere tickt. Ist der Personaler ein anthrazit beanzugter Spießer oder doch ein ganz lockerer Typ? Entsprechend kann der Kandidat sein Lächeln und vielleicht sogar etwas Humor dosiert einsetzen.

Schwieriger wird es da beim Bewerbungsfoto. Das Foto muss für mehrere Bewerbungen passen, ohne dass man die Ansprechpartner in den Unternehmen je gesehen hätte. Das Foto muss für sich selbst wirken, kann nicht durch Persönlichkeit wieder wett gemacht werden. Gefällt dem Personaler nicht, wer ihn da vom Bewerbungsschreiben her anschaut, fallen die Chancen rapide. Deshalb: Im Vorfeld schon möglichst viele Infos über das Zielunternehmen und die Verantwortlichen herausfinden und sich Gedanken für das Fotoshooting machen. Und wer sich nicht gerade in der Kreativwirtschaft bewirbt, fährt mit etwas mehr ernsthaftem Auftreten sicher nicht schlecht. Wobei, wer einfach eine unverbesserliche Frohnatur ist, darf sich auch so geben. Genauso schlimm wie ein verkrampftes Lächeln ist ein verkrampft ernstes Gesicht. Oder haben Sie noch nie jemand zum Bewerbungsgespräch eingeladen, weil Sie den netten, sympathischen Menschen vom Foto einfach kennen lernen wollten, und das trotz einiger Schwächen im Lebenslauf? Das Auge lacht eben gerne mit.

Ihr Sascha Frank

(Bild: fotolia – Andreas Wolf)

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