Das Bett ist das neue Büro

Ein ergonomischer Arbeitsplatz, an dem wir uns wohlfühlen, macht uns produktiver. Welches Büro könnte bei diesen Kriterien besser abschneiden als unser eigenes Bett? Eben. Der technisch ausgestattete, moderne Wissensarbeiter hat nur noch wenig Gründe, morgens sein Schlafzimmer zu verlassen. Ein Plädoyer fürs Liegenbleiben.

Sitzen ist das neue Rauchen. Der Stuhl, dein Feind. Wer viel sitzt – und acht bis zehn Stunden pro Tag (das ist echt viel) – wird krank und doof und stirbt früher. Wer zumindest ein wenig die aktuelle Presse verfolgt, weiß das. Als Reaktion darauf bieten Büromöbelhersteller höhenverstellbare Schreibtisch, Stehmatten und dauerwackelnde Hocker an. Erstaunlich eigentlich, dass der Ausweg aus der Sitzblockade einzig und allein in der Bewegung in die Vertikale, also im Stehen, gesucht wird. Dabei wird eine Körperhaltung komplett unterschätzt, die unzweifelhaft natürlicher, bequemer und deutlich positiver assoziiert ist: Das Liegen. Und wie der Stuhl zum Sitzen gehört, ist das Liegen nicht vom Bett zu trennen. Bett und Arbeit, ein Paradoxon?

Die meisten von uns sind wohl im Bett entstanden, haben die ersten Lebensjahre ziemlich viel Zeit dort verbracht und die Wärme dieses Ortes mit zunehmendem Alter immer mehr schätzen gelernt. Was uns das Leben, respektive das Aufstehen, jeden Morgen mal mehr, mal weniger schwer macht. Untersuchungen zeigen doch, wenn wir uns am Arbeitsplatz wohlfühlen, steigt unsere Produktivität. Also müsste das Bett der perfekte Platz zum Arbeiten sein, nicht?! Dass das Bett ein Ort des Nichtstuns und der Denkfaulheit ist, ist nachweislich falsch. Während der REM-Phasen unseres Schlafes ist unser Gehirn so aktiv wie kaum sonst, erbringt Höchstleistungen. Kissen und Decke kann ich mir in jeder erdenklichen Position in Kreuz und Nacken stopfen. Ergonomischer geht’s nicht. Entspannt liegend fließen meine Gedanken, ich kann rumzappeln und meine Aggressionen an Daunen oder Kaltschaum abreagieren. Handliche Arbeitsgeräte, Cloud-Software und Neue Medien machen es zudem so einfach wie nie zuvor, aus dem Schlafzimmer heraus zu arbeiten, zumindest für den modernen Wissensarbeiter. Mal ganz unter uns, Homeoffice ist doch im Prinzip die seriös klingende Beschreibung für: Bett, Pyjama, Laptop, Smartphone, Cappuccino, Croissant. Bei den teureren Business-Notebooks muss man nicht mal mehr aufpassen, das Gerät durch von der Bettdecke verdeckte Lüfterschlitze zum Schmelzen zu bringen. Um so mehr ist Obacht angesagt, beim Skype-Call nicht aus Versehen die Webcam einzuschalten.

80% der jüngeren Angestellten in New York arbeiten zeitweise vom Bett aus, ergab eine wohl nicht ganz unabhängige Umfrage eines US-Bettenherstellers schon im Jahr 2012. Einer im Vergleich zu heute ganz anderen Zeit. Deutlich wird dies durch Tatsache, dass der Hersteller als Reaktion auf die Umfrage ein übergroßes Kingsize-Bett anbot, damit die Leute ihre Papiere im Bett besser ausbreiten könnten. Heute würden wahrscheinlich eher drei Steckdosen, fünf USB-Anschlüsse und ein WLAN-Signalverstärker im Bettrahmen integriert. Und ein Kopfteil beklebt mit einem Großraumbüro-Panoramafoto, falls doch mal die Webcam angeht. Schwedische und andere Möbelhäuser bieten mittlerweile eine sehenswerte Auswahl an Gadgets fürs Bettbüro, vor allem Laptop-Kissen, -Ständer und -Halterungen jeder Art. Oder man reaktiviert einfach das Bett-Tablett aus Rattangeflecht, auf dem der Opa der Oma einmal im Jahr am Hochzeitstag das Frühstück ans Bett brachte.

Es gibt also keinen wirklichen Grund mehr, morgens aufzustehen. Vom DHL-Boten mal abgesehen, der sich freut, dass endlich jemand zuhause ist und er die Pakete fürs komplette Stadtviertel bei Ihnen abgeben kann. Wenn doch mal Anwesenheit im Büro vonnöten ist, sollten Sie besser für ein progressives Unternehmen mit passenden Liegemöglichkeiten wie dieser arbeiten. (Designed with personal space and comfort in mind, Hosu Lounge and Sofa by Coalesse creates a comfortable oasis in the midst of contemporary office environments.“) Nicht, dass Sie sich noch Ihren Rücken durch die temporäre Rückumstellung auf Bürostühle wieder kaputtmachen. Ganz wichtig jedoch: Vor dem außer Haus gehen den Pyjama durch akzeptierte Business-Kleidung ersetzen. Eventuell sind Ihre Kollegen noch nicht so weit und könnten aufgrund überkommener gesellschaftlicher Regeln Anstoß nehmen. In diesem Sinne: Gute Nacht… äh, ich meine natürlich: Frohes Schaffen!

Ihr Sascha Frank

Bild: Fotolia – Rita Kochmarjova

Diese Artikel gefallen Ihnen sicher auch