Das Homeoffice-Paradigma

Arbeitnehmer würden gerne mobiler und flexibler arbeiten, von zuhause aus oder von unterwegs. Notebooks, Smartphones und mobiles Internet machen dies technisch möglich. Nur die Unternehmen bremsen diesen Wunsch aus: In den wenigsten Betrieben ist mobiles Arbeiten offiziell vorgesehen oder erlaubt. Führungskräfte stehen mobilen Arbeitsmodellen eher zögerlich gegenüber.

Mobilität und höchste Flexibilität werden vom modernen Arbeiter gefordert. Er ist mit den neuesten technischen Errungenschaften ausgestattet, die ihn überall erreichbar machen und ihm von überall den Zugriff auf die Unternehmensdaten gewähren. Soweit die Theorie. In Wirklichkeit sitzt der moderne Arbeiter aber wie alle anderen brav im Büro. Denn sein Chef erlaubt ihm gar nicht, sein mobiles Arsenal einzusetzen. Arbeiten im Homeoffice, im Café oder gar am Strand? Nicht vorgesehen.

Eine Studie von Citrix Online unter 1.080 deutschen Arbeitnehmern hat ergeben, dass weniger als 10% der Chefs ihre Mitarbeiter ermutigen, „remote-basiert“ zu arbeiten, d.h. von irgendwo außerhalb des Büros. In 40% der Unternehmen ist mobiles Arbeiten gar nicht erlaubt oder nur in Ausnahmefällen. Das überrascht dann doch, angesichts der Möglichkeiten. Und angesichts der persönlichen Meinung der Mitarbeiter: Zwei Drittel der Befragten denken, dass mobiles Arbeiten ihre Produktivität positiv beeinflussen würde. Woher kommt diese klaffende Lücke?

Die klassischen Organisationsstrukturen, die in einem Großteil deutscher Unternehmen vorherrschen, tragen sicher ihren Teil dazu bei. Ebenso die Führungskräfte, die von diesen Strukturen geprägt sind. Sorgsam aufgebaute und bewährte Hierarchien und Kontrollsysteme funktionieren nicht mehr, wenn sich Mitarbeiter aus dem Sicht- und Handlungskreis ihrer Vorgesetzten entfernen. So scheint es, so befürchten viele Chefs. Wer kontrolliert die Arbeitsleistung der Mitarbeiter, wer spornt sie zur Höchstleistung an, wer hält sie vom Bummeln ab? Ich mag es manchmal gar nicht glauben, aber so banal scheinen die Sorgen deutscher Manager zu sein. Während alles um sie herum mobiler und flexibler wird, verharren die Chefs in festgefahrenen Positionen. Wobei – dies muss man hinzufügen – nur selten Absicht dahintersteckt, vielmehr Unsicherheit und die Angst, die Kontrolle zu verlieren.

Dabei sind die Folgen weit weniger dramatisch, wenn Mitarbeitern mehr Mobilität gewährt wird. Viele Studien haben gezeigt, dass höhere Eigenverantwortung auch höheres Engagement mit sich bringt und die Arbeitszufriedenheit erhöht. Nicht zuletzt wollen die meisten Mitarbeiter gar nicht komplett auf ihr Büro verzichten. Der persönliche Kontakt und Austausch mit Kollegen ist weiterhin wichtig.

Führungskräfte sollten daher erst einmal an ihrem Menschenbild arbeiten: Mitarbeiter sind keine Kinder, die im Blick behalten werden müssen. Die jede Gelegenheit zum Ausbüchsen nutzen. Ganz im Gegenteil, wie die zitierte Studie gezeigt hat. In vielen Bereichen sind die Mitarbeiter schon viel weiter als ihre Chefs. Diese Herausforderung müssen deutsche Führungskräfte nun annehmen und einen echten Paradigmenwechsel einläuten. Die Technik hat den Weg bereitet. Nun muss auch die Arbeitsorganisation flexibler werden, nicht nur aus Kostensicht, vor allem im Sinne der Mitarbeiterbindung und -identifikation. Wenn Mitarbeiter mobiler sind als ihr Arbeitgeber, dann werden sie früher oder später abwandern.

Ihr Sascha Frank

(Bild: fotolia – Ana Blazic)

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