Der zweite Eindruck

Beim Chef-Dating lernen sich Hochschulabsolventen und Arbeitgeber innerhalb weniger Minuten kennen. Mehrere Arbeitsagenturen bieten bereits solche Veranstaltungen an. Chef-Dating setzt auf den ersten Eindruck. Doch lässt sich in so kurzer Zeit wirklich feststellen, ob man füreinander geeignet ist? Ich persönlich habe sehr widersprüchliche Erfahrungen gemacht.

Schnell, schneller, am schnellsten – vom allgegenwärtigen und nahezu alle Lebensbereiche durchdringenden Geschwindigkeitsrausch bleiben auch menschliche Beziehungen nicht verschont. Die durchschnittliche Ehe wird nicht mehr im verflixten siebten, sondern im vierten Jahr geschieden. Also muss auch die Kennenlernzeit dementsprechend verkürzt werden. Man speed-datet und entscheidet sich in wenigen Minuten für oder gegen einen potenziellen Partner.

Auch der Job auf Lebenszeit ist äußerst selten geworden. Und im Recruiting hat man jetzt das Pendant zum Speed-Dating etabliert: das Chef-Dating. Mehrere Arbeitsagenturen haben solche Runden bereits veranstaltet – um Hochschulabsolventen mit Arbeitgebern zusammen zu bringen. In jeweils 10 bis 20 Minuten lernen sich die beiden Parteien kennen, bereden nur das Wichtigste. Nähere Infos zum Chef-Dating und Ergebnisse erfahren Sie u.a. auf der Webseite der AA Potsdam.

Die Zeitschrift UNICUM (Ausgabe Nr. 2/2010) berichtet allerdings von sehr geteilten Meinungen zu diesem Konzept. Die Mehrheit der Arbeitgeber findet die zur Verfügung stehende Zeit zu kurz. Es gibt aber auch einige, welche die Beschränkung auf das Wesentliche schätzten. Die Meinungen zu solchen Speed-Geschichten sind, wie gesagt, sehr widersprüchlich. Dass es für den sprichwörtlichen ersten Eindruck keine zweite Chance gibt, ist klar. Aber wie wichtig ist der erste Eindruck? Auch bei dieser Frage stehen sich zwei Positionen gegenüber.

Die eine Sichtweise: Wir sind viel zu verkopft, betonen Zahlen, Daten, Fakten über. Egal ob im Verkauf, im Recruiting, in persönlichen Beziehungen: Die Chemie muss stimmen – das Zwischenmenschliche. Wenn das passt, wird alles andere schon werden. Wenn es in den ersten Sekunden nicht funkt, funkt es nie. Das erste Bauchgefühl ist meistens richtig.

Die andere Sichtweise: Wir müssen bei Entscheidungen die größtmögliche Objektivität erreichen. Menschen lassen sich durch Äußerlichkeiten täuschen, die Wahrnehmung wird durch eigene Hintergründe und Erwartungshaltungen verzerrt. Der erste Eindruck täuscht oft. Man muss Menschen erst näher kennen lernen, bevor man sie einschätzen kann.

Ich kenne leider keine gesunde Mitte in dieser Frage. Ich mache laufend Erfahrungen in beide Richtungen. Bei vielen Kandidaten hätte ich weniger auf die Fakten als auf mein Bauchgefühl hören sollen. Obwohl alles ganz toll schien, entpuppten sich die Betreffenden als Reinfall. Andererseits habe ich genauso oft Menschen kennen gelernt, bei denen anfangs keine große Sympathie da war. Im Verlauf der Zusammenarbeit haben sich diese Leute aber als prima Partner herausgestellt, mit denen man Pferde stehlen kann.

Also lieber lange Assessment-Center oder doch eher Chef-Speed-Dating und Elevator-Pitches? Das kommt wohl – wie so oft im Leben – ganz drauf an. Allerdings wehre ich mich gegen den Gedanken, dass die ersten fünf Sekunden alles entscheiden sollen. Ja, sie sind wohl wichtig. Aber rückblickend kann ich sicher sagen, dass die zweiten Eindrücke die wichtigeren in meinem Leben waren.

Ihr Sascha Frank

(Bild: istockphoto-Ljupco)

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