Die neue SAP: Bye, bye, badische Idylle!

SAP wird radikal umgebaut. Der neue Chef Leo Apotheker ist kein Programmierer, sondern Verkäufer. Für ihn zählt im internationalen Geschäft nur eines: Rendite. Darauf trimmt er den badischen Software-Konzern, was nicht weniger als ein Kulturbruch ist. Die Mitarbeiter, die es sich in den vergangenen Boom-Jahren bequem eingerichtet haben, treibt die Angst um.

Was den Schwaben „der Daimler“ ist, das ist den Badenern „die SAP“. Und es gibt weitere Parallelen zwischen dem Autobauer und der Softwareschmiede. Als damals noch die Daimler Benz AG mit dem US-Unternehmen Chrysler fusionierte, ging ein großes Stück schwäbische Identität verloren. Globalisierung ja, weltweiter Erfolg ja, aber bitte nach heimischen Regeln. Ähnliches tut sich nun bei der SAP. Was 1972 in einem Reihenhaus begann, ist heute ein Weltunternehmen mit 25% Marktanteil und 89.000 Kunden. 80% des Umsatzes wird im Ausland erwirtschaftet.

Das heißt, dass die SAP nach internationalen Regeln spielen muss, um auf dem Markt zu bestehen. International – das heißt im Wirtschaftsumfeld meistens angelsächsisch. Umsatzrendite, Shareholder Value, Marktkapitalisierung, Cash Flow. Man kennt diese Worte in Walldorf, aber man mag sie nicht. Sie vertragen sich nicht mit dem geradezu familiären Idyll bei der alten SAP, in der sich alle lieb haben, die Mitarbeiter auf Lebenszeit angestellt sind und sich das Leben durch maximale Sozialleistungen verschönern lassen. Leo Apotheker, der neue alleinige Chef, kommt aus der neuen Welt. Er ist ein Schlipsträger, ein Verkäufer, ein Zahlenmensch. Und er hat keinen Bezug zur Dynastie der Gründer um Dietmar Hopp.

Apotheker versucht erst gar nicht den Eindruck zu erwecken, dass ihm an der alten SAP irgendetwas läge. Er hat begriffen, dass der Erfolg von gestern der größte Feind des Erfolges von morgen ist. Über seinen Stil, mit dem er den radikalen Umbau vorantreibt, kann man streiten. Hier eine kleine Liste der ungehörigen Maßnahmen: Apotheker gibt ein Ziel von 100.000 Kunden und 35% Umsatzrendite aus. Trotz Krise und Auftragseinbrüchen soll die Umsatzrendite von aktuell 25% noch dieses Jahr wachsen. Mit einem rigiden Sparprogramm wurde in der ersten Jahreshälfte 500 Millionen Euro eingespart. Ausgaben wurden gesenkt, Verträge nicht verlängert, Gehaltserhöhungen gestrichen, sogar die Familien-…, pardon, Weihnachtsfeier. Ob die symbolische Wirkung dieser Maßnahme beabsichtigt ist? Ca. 3.000 der über 51.000 Mitarbeiter der SAP müssen bis Jahresende gehen. Ebenso verlassen 640 Mitarbeiter bis Jahresende das Unternehmen freiwillig gegen eine Abfindung. Gemeldet haben sich sogar mehr. Die Art, wie Apotheker die Einschnitte angekündigt hat, riefen harte Kritiken auf den Plan. Er sei kühl, arrogant, hastig. Als er einseitig die Wartungsverträge mit den SAP-Kunden kündigte und die Gebühren anhob, musste er nach großen Aufschreien sogar teilweise zurückrudern.

Gerade die Garde der Entwickler und Ingenieure, die früher das Herz der SAP ausmachten, haben sehr unter ihrem Bedeutungsverlust zu leiden. Die neue, von Analysten und Aktionären beherrschte SAP ist ihnen nicht geheuer. Mitgründer Klaus Tschira, der bis 2007 im Aufsichtsrat saß, prophezeite gar, dass die SAP ‚bald ohne Produkte dastehen werde‘, wenn die Entwicklung weiter hinter Marketing und Vertrieb zurückstehen muss. So weit wird es sicher nicht kommen. Trotzdem ist momentan offen, wohin die SAP steuert, ob und wann die Maßnahmen von Leo Apotheker greifen. Nur zwei Dinge sind sicher: Das badische Idyll kommt nicht wieder. Und: Es bleibt spannend.

Ihr Sascha Frank

Quellenangabe: Diese Kolumne ist inspiriert vom Artikel „Programmierter Kulturkampf bei SAP“ aus der ZEIT Nr. 33 vom 6.8.2009. Das Zitat von Klaus Tschira ist ebenfalls diesem Artikel entnommen.

(Bild: SAP)

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