Diebstahl ohne Folgen

Zuspätkommen ist nervig und omnipräsent. Kaum ein Termin kann pünktlich beginnen. Wer warten muss, fühlt sich zurückgesetzt, nicht ernst genommen. Zuspätkommen beweist einen Mangel an Respekt vor der Zeit anderer, obwohl in den seltensten Fällen Absicht dahintersteckt. Meist ist es fehlende oder zu optimistische Planung. Das muss nicht sein.

Auf Einladungskarten zu offiziellen Anlässen finden sich manchmal kryptische Abkürzungen. Hinter der Zeitangabe steht da „c.t.“ oder auch „s.t.“. „Cum tempore“ ist die Bedeutung des ersten Kürzels, „mit Zeit“. Die eher als „akademische Viertelstunde“ bekannte Angabe teilt mit, dass die Veranstaltung eine Viertelstunde später als angegeben beginnen wird. Dass ein bisschen Verspätung also ok ist. „Sin tempore“ – „ohne Zeit“ – dagegen heißt: Absolute Pünktlichkeit ist Pflicht, Zuspätkommen wird nicht geduldet. Man würde das „s.t.“ gerne öfter auf eine Einladung setzen, sei es zu einer Geschäftsbesprechung oder zu einem Treffen mit Freunden. Unpünktlichkeit ist eine weit verbreitete Unart, eine sehr lästige.

Während Unpünktlichkeit bei Arbeitnehmern irgendwann zur Abmahnung und Kündigung führt, bleibt sie ansonsten meist ohne Folgen. Eine gute Ausrede findet sich immer: Stau, Parkplatzsuche, ein ganz wichtiges Telefonat. Der Wartende darf sich natürlich nichts anmerken lassen: Macht nichts, kann ja mal passieren, immer dieser Verkehr heutzutage, verständlich. Dabei ist der Wartende das Opfer. Er hat sich Zeit genommen, geplant, auf andere Verabredungen verzichtet. Diese Zeit wurde ihm gestohlen. Jetzt muss er auch noch seinen Ärger im Griff halten und vielleicht sogar Folgetermine verschieben. Nur weil sein Gegenüber seinen Zeitplan nicht im Griff hat.

Daran liegt es nämlich meistens, wenn Leute zu spät kommen. Ok, es gibt ein paar Unverbesserliche, die gerne als Letztes kommen und damit demonstrieren müssen, dass ihre Zeit wertvoller ist als die der anderen. Doch die meisten Zuspätkommer haben einfach nicht geplant oder zu optimistisch geplant. Klar, die Verkehrslage ist vielerorts unkalkulierbar. Aber ist das was Neues? Eigentlich sollte es selbstverständlich sein immer einen Zeitpuffer für Stau und Parkplatzsuche einzuplanen. Oder einen Zeitpuffer zwischen zwei Terminen. Wer so plant, dass er im optimalen Falle pünktlich ist, der plant von vornherein sein Zuspätkommen ein.

Wer partout immer Umstände durch höhere Gewalt für seine Unpünktlichkeit anführen kann, der sollte bedenken, dass die anderen mit denselben Umständen zu kämpfen haben. Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Wer notorisch zu spät kommt und nichts dagegen tut, dem fehlt es an Respekt vor der Zeit seiner Mitmenschen. Man mag über preußische Tugenden denken wie man will, ohne Respekt funktioniert kein Miteinander, geschäftlich wie privat nicht.

Den erhobenen Zeigefinger nehme ich mir selbst zu Herzen. Auch ich habe das Patentrezept noch nicht gefunden, muss mich selbst bei jedem Termin wieder bemühen und disziplinieren. Doch denke ich, dass meine Mitmenschen mir das Wert sein sollten. Vielleicht sollte ich mir den Spruch Napoleons an die Bürowand hängen: „Es gibt Diebe, die von den Gesetzen nicht bestraft werden, obwohl sie dem Menschen das Kostbarste stehlen: die Zeit.“

Ihr Sascha Frank

(Bild: fotolia – RTimages

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