Durch die Gesichtskontrolle

Obskure Methoden zur Bewerberauswahl sterben nicht aus. Deutungen von Schädelform, Handschrift oder sogar Sternzeichen werden von populären „Experten“ propagiert, obwohl sie auf teilweise widerlegten Theorien fußen. Personaler schätzen daran, dass diese Methoden nicht manipulierbar sind. Als betroffener Bewerber sollten Sie lieber misstrauisch sein.

Es hat mir die Sprache verschlagen, als ich dieses Interview mit dem Psychologie-Professor Uwe Peter Kanning gelesen habe. Kanning befasst sich in seinem Buch „Schädeldeuter und andere Scharlatane“ mit obskuren Methoden, die Unternehmen bei der Bewerberwahl anwenden. Von graphologischen Auswertungen hatte ich logischerweise gehört und gelesen. Dass Körpersprache gelesen wird auch. Aber dass tatsächlich noch Schädelformen vermessen oder Horoskope erstellt werden, um den optimalen Kandidaten zu ermitteln, trifft mich hart in meiner Personaler-Seele.

Verlässliche Zahlen darüber, wie häufig solche Methoden noch gebraucht werden, gibt es nicht. Kaum einer steht öffentlich dazu. Einer Schätzung von 2007 zufolge greifen rund 2,5% aller Unternehmen auf graphologische Gutachten zurück (in der Schweiz übrigens sehr verbreitet). Astrologie dürfe weitaus öfter im Spiel sein, schließlich ist sie in der Gesellschaft sehr stark verankert. Jedes Käseblatt hat sein Horoskop und mancher TV-Sender füllt sein Tagesprogramm mit Astro-Hotlines. Wer privat auf die Sterne setzt wird sich wohl auch beruflich davon leiten lassen. Astrologie folgt der Überzeugung, dass die Sternenkonstellation zum Zeitpunkt der Geburt eines Menschen dessen Persönlichkeit, Talente und Lebensweg bestimmt. Dass diese Theorie auf dem einst populären Glauben fußt, die Sonne bewege sich um die Erde: unerheblich.

Ebenso zweifelhaft hört sich die Erklärung von Schädeldeutern oder Psycho-Physiognomikern an: Bestimmte Hirnareale seien bei einem Menschen mehr oder weniger ausgeprägt, diese üben Druck auf den Schädelknochen aus und formen diesen. An der Kopfform könne man daher Eigenschaften, Stärken und Schwächen von Menschen erkennen. Natürlich. Und am wohlgeformten runden Bauch meines Gegenübers erkenne ich, dass dieser einen gesunden Appetit besitzt …

Obwohl ich eigentlich erwarten würde, dass ernsthafte Personaler über solche Methoden bestenfalls lachen, befinden sie sich im Aufwind. Auch das genaue Interpretieren der Körpersprache oder sogar der Buchstaben im Namen eines Bewerbers erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Laut Kanning fänden Personaler an diesen Methoden besonders attraktiv, dass diese vom Kandidaten nicht manipulierbar seien.

Für Kandidaten ist es meist schwierig herauszufinden, ob sie gerade „Opfer“ solcher Auswahlmethoden geworden sind. Wer eine Handschriftprobe abgeben soll, kann wenigstens nach der Verwendung fragen und sich nach der Relevanz im Auswahlprozess erkundigen. Soll man gute Miene zum bösen Spiel machen? Hoffen, dass die Sterne oder die Schädelform dem eigenen Erfolg gewogen sind? Sicherlich ist Misstrauen angesagt, wenn Unternehmen abstruse Auswahlmethoden anwenden. Wer weiß, was noch auf einen zukommt, wenn man erstmal Mitarbeiter dieser Firma ist.

Ihr Sascha Frank

(Bild: istockphoto  -mayskyphoto)

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