Fänden Sie es in Ordnung, wenn Ihr Chef nur halb so viel arbeitet wie Sie?

Die Debatte, warum es nicht mehr Führungskräfte in Teilzeit gibt, ist aus meiner Sicht fehlgeleitet. Es geht doch nicht ums Arbeitsvolumen. Aufgaben lassen sich delegieren. Aber kann man die Verantwortung  für eine Abteilung um 14 Uhr nachmittags abgeben? Und wenn der Chef nicht mehr leistet als seine Mitarbeiter, warum ist er dann überhaupt Chef?

Führungskraft in Teilzeit – das hört sich ein bisschen so an wie Vater oder Mutter in Teilzeit. Geht nicht. Entweder man ist es, oder man ist es nicht. Dabei ist nicht die Frage, wie viel Zeit man effektiv wirklich in die Rolle steckt, sondern dass man die Verantwortung trägt und einfach immer irgendwie „da sein“ muss, in schwierigen Situationen erst recht. Aus diesem Grund finde ich die latent geführte Debatte, ob Führungsfunktionen auch in Teilzeit möglich sind, komisch. Vielleicht finden Sie mich altmodisch, aber vielleicht sind Sie ja neugierig und lesen jetzt erst recht weiter. Also weiter im Text: Die Argumentationen werden nämlich meist auf dem zu bewältigenden Arbeitsvolumen aufgebaut und nehmen es irgendwie als naturgegeben hin, dass Führungsjobs für 40 (oder eher 50, 60) Wochenstunden gemacht sind. Jedoch kenne ich – vom Top-Level-Management mal abgesehen – kaum eine Führungskraft, die wirklich den Großteil ihrer Zeit mit echten Führungsaufgaben verbringt. Routinejobs, die leicht delegierbar wären oder Meetings, auf die man verzichten könnte, sind oft die Regel.

Eine Führungskraft ist nicht deshalb Führungskraft, weil sie am meisten arbeitet, sondern weil sie „mit Kraft führt“. Der Kapitän eines Schiffs hat sicher nicht den stressigsten Job an Bord und wäre ohne seine Mannschaft verloren. Aber er ist verantwortlich und hat im Falle einer Havarie das Schiff als Letzter zu verlassen. Andernfalls macht er sich strafbar. Auch ein Manager – lassen Sie uns mal vom besten ausgehen – hält seinen Laden auf Kurs, nicht unbedingt über seine fachlichen Tätigkeiten, sondern durch seine Persönlichkeit, durch Führen und den Mut, Verantwortung zu übernehmen. Und manchmal einfach durch „da sein“. Ob das auch in Teilzeit geht? Sicher. Wenn die Crew das mitmacht.

Der Business-Coach Brigitte Abrell beschreibt in einem Interview einen Lösungsansatz, wie Unternehmen Führungskräften Teilzeitarbeit ermöglichen können. Aus meiner Sicht benennt sie damit jedoch das eigentliche Problem. Sie sagt auszugsweise: „Die Veränderung der Arbeitszeit muss organisatorisch begleitet und das Aufgabenvolumen entsprechend der Arbeitszeitreduzierung angepasst werden. […] Was muss die Führungskraft wirklich selbst erledigen und was kann auf andere Personen und Positionen verteilt werden? Wer steht zur Entlastung der Führungskraft zur Verfügung? Welche internen Regelungen stehen einer Führung in Teilzeit noch entgegen und müssen gegebenenfalls verändert werden? […] Wichtig ist eine zuverlässige Stellvertretung und eine klare Festlegung, wer für was und wann verantwortlich ist.“

Das klingt nach Gemeinschaftsprojekt einer Abteilung oder eines ganzen Unternehmens, und das ist es auch. Wie realistisch ist es, dass die ganze Abteilung mehr Arbeit, mehr Verantwortung, mehr Risiko übernimmt, ihre Gewohnheiten umstellt, um einer einzelnen Person, die wahrscheinlich deutlich besser verdient, den persönlichen Lebensentwurf zu ermöglichen? Wie wahrscheinlich ist es, dass eine ganze Abteilung weiterhin Entscheidungen akzeptiert von jemandem, der „ja keine Ahnung hat, was hier gerade los ist und dem momentan ja ganz andere Dinge wichtig sind“? Schwer vorstellbar. Tatsächlich ist es doch eine der wenigen Genugtuungen im Angestelltendasein, wenn der Chef bis spätabends und am Wochenende im Büro sitzen muss, während wir unsere Freizeit genießen. Es würde zwar keiner freiwillig zugeben, aber wer hat nicht schon mal gedacht: „Der soll ruhig mal was tun für sein Geld“. Mit einem Teilzeit-Chef fielen diese kleinen Triumphe auch noch weg.

Es mag den Unternehmen an Mut fehlen, es mag verkrustete Strukturen und Rollenbilder geben, wie Brigitte Abrell meint. Jedoch bin ich überzeugt, dass Teilzeit-Führungskräfte in den allermeisten Unternehmen einfach nicht vermittelbar wären. Wenn Führungskräfte die Berechtigung für ihre Position und ihren Gehaltsvorsprung nicht mehr daraus ziehen, dass sie mehr leisten als andere (also die Führung übernehmen), einen volleren Terminplaner haben, woraus denn dann? Dass Leistung und Arbeitszeit recht wenig miteinander zu tun haben, geschenkt. Solange der Rest der Mannschaft noch für täglich acht Stunden Anwesenheit im Büro bezahlt wird lässt sich dieses Argument nicht wirklich ins Feld führen. Damit Sie mich nicht missverstehen: Wir brauchen dringend flexible(re) Arbeitszeitmodelle. Aber für alle. Erst wenn Lieschen Müller und Otto Normalangestellter nach getaner Arbeit schon mal am frühen Nachmittag heimgehen dürfen, um mit ihren Kindern den Zoo zu besuchen, dann wird das auch beim Chef niemanden mehr stören. Auch der Kapitän darf mal von Bord. Aber eben als Letzter.

Ihr Sascha Frank

P.S.: Dass flexible Arbeitszeitmodelle und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für alle Mitarbeiter eines Unternehmens, inklusive der Führungskräfte, möglich sind, zeigt der Outdoor-Ausrüster Vaude. (Siehe auch hier.) Deutlich wird an diesem Beispiel aber auch, welcher Aufwand dafür betrieben werden muss.

Ihr Sascha Frank

Bild: Fotolia – Nomad_Soul

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