Früher Vogel, später Wurm

Frühaufsteher machen leichter Karriere. Langschläfer haben den Ruf, bequem und wenig ehrgeizig zu sein. Der „frühe Vogel“ entspricht eher unserem Ideal eines fleißigen, disziplinierten und leistungsfähigen Menschen. Dabei ist es überhaupt nicht gut, gegen seine innere Uhr zu arbeiten. Und auch unsere Leistung lässt sich weder an Arbeitszeiten noch an der Wochenstundenzahl ablesen.

Selbständig zu sein ist super. Man schläft bis zehn. Setzt sich dann mit einer großen Tasse Kaffee auf den Balkon und kommt langsam Schluck für Schluck in die Gänge. Während die anderen schon zum Mittagessen gehen werden erst mal die Mails gecheckt. Hach, schön wär´s… Aber ganz so einfach ist es leider nicht. Jeder von uns – ob angestellt oder selbständig – kennt das Gefühl, dass die 24 Stunden pro Tag für die vielen Ideen und Aufgaben nicht ausreichen. Für Karrierehungrige scheint es also unumgänglich zu sein, rund um die Uhr zu arbeiten. Als Erster kommen und als Letzter gehen. Wer erfolgreich sein will, muss im Zweifel am Schlaf sparen. In unseren Breiten machen Frühaufsteher und Kurzschläfer daher eher Karriere. Die anderen selektiert meist der Konkurrenzkampf aus.

Man kann schon neidisch auf Frühaufsteher werden. Schon wenn es dämmert sitzen sie fröhlich pfeifend am Schreibtisch und schmettern jedem Ankommenden ein überschwängliches „Guten Morgen“ entgegen. Es scheint, bis zum Mittagessen haben sie schon Berge versetzt. Solchen Kollegen muss es ganz und gar suspekt erscheinen, wenn ein paar Nachzügler verschlafen gegen neun ins Büro schlurfen, Out-Of-Bed-Look, die Abdrücke des Kopfkissens noch im Gesicht. Morgenmuffel werden allgemein belächelt und müssen sich manche Lästereien gefallen lassen. Schon der Volksmund wusste: „Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ Solche Sprüche kann der Morgenmuffel nur ignorieren oder trotzig kontern: „Ja, und der späte Wurm überlebt…“ Ihr Problem: Wenn sie zur Höchstform auflaufen und vielleicht abends noch einige Stunden dranhängen, schaut halt keiner mehr zu.

Dabei ist es weder gesundheitlich sinnvoll noch effizient, dauerhaft gegen den eigenen Biorhythmus zu arbeiten. (Wie auch die vorige Ausgabe der Coaching Zone zeigt.) Jedoch, die Mehrzahl von uns tut genau das ein Leben lang. Für 60 Prozent aller Deutschen fängt der heute übliche Arbeitstag zu früh an. Ärzte werden zu 24-Stunden-Schichten gezwungen. Transatlantisch tätige Vertriebsleute plagt der Jetlag. Schichtarbeiter kämpfen ständig gegen die Müdigkeit. Wie schädlich diese Systeme für den Einzelnen sind, ist bekannt. Wir wissen, dass jeder Mensch seiner inneren Uhr folgt, sowohl was die Länge des Schlafes als auch die Tageszeit für Schlaf- und Wachphasen angeht. Frühaufsteher oder Langschläfer – diese Prädikate sagen nichts über die Leistung eines Menschen aus. Ebenso wenig verrät die Aufenthaltsdauer im Büro, wie wertvoll ein Mitarbeiter für ein Unternehmen ist. (Diese Erkenntnis scheint noch nicht überall angekommen zu sein.) Wer zwar morgens um sieben schon auf der Matte steht, aber noch im Halbschlaf ist, wird kaum produktiv arbeiten. Im Gegenteil, er wird einen Fehler nach dem anderen machen. Also lieber noch ein Stündchen Schlaf dranhängen und dann etwas später an die Arbeit gehen, dafür voller Elan. Albert Einstein soll zehn Stunden Schlaf gebraucht haben, um fit zu sein. Wer von uns will ihm das zum Vorwurf machen?

Ihr Sascha Frank

(Bild: istockphoto – Hamid Ebrahimi)

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