Gut ist uns nicht gut genug

„Wir wollen den Besten.“ Eine ganz alltägliche Anforderung an uns. Aber wie erkennt man die besten Kandidaten für den Job, wenn sich jeder heute an Eliten messen lassen muss? Wie wäre es zur Abwechslung mal mit der goldenen Mitte? Das sind die Leute, die Ihre Ärmel hochkrempeln und gemeinsam was bewegen wollen. Mit einem begabten Chef erreichen Mitarbeiter mehr als unter einem genialen Kopf, der sich nicht engagiert.

Stellen Sie sich bitte eine typische Stellenausschreibung vor: Studienabschluss mit Auszeichnung innerhalb von drei Jahren, davon fünf Jahre im Ausland. Um die Dreißig mit zehn Jahren Berufserfahrung in der Branche. Gut aussehend, rank und schlank plus interessante Hobbys bitteschön. So kann man beim Einstieg ins Bewerbungsgespräch (und später beim gemeinsamen Mittagessen) nett über das eigene Handicap und Spinnaker plaudern.

Stellenangebote dieser Art wecken meine Neugier. Ich stelle mir vor, es gäbe keine statistische Normverteilung und alle Bewerber erfüllen tatsächlich diese Kriterien. Ich frage mich: Wie arbeitet es sich in einer Firma voller Überflieger? Arbeiten die alle im 40. Stock und wer nicht aus dem Stegreif 2.876.452 mal 934 im Kopf lösen und komplexe Raumstrukturen drehen kann, fliegt?

Elite. Mit diesem Begriff schmückt sich natürlich jedes Unternehmen gerne. „Wir stellen nur die Besten ein!“ – das würden die meisten Personalmanager unterschreiben. Jeder wünscht sich nur noch Einser-Kandidaten. Hm, aber macht das die Fachkraft erfolgreicher am Arbeitsplatz?

Seien wir mal ehrlich, die Mehrzahl der Stellen, die ausgeschrieben werden, verlangen keine Hochbegabung. Die beste Basis, um sie erfolgreich auszufüllen, sind Fleiß, Zielstrebigkeit und ein gerüttelt Maß an Frustrationstoleranz. Mit einem begabten, engagierten Chef erreichen Mitarbeiter mehr als unter einem genialen Kopf, der sich nicht kümmert. Ausschließlich Hochintelligente zu fördern und zu umwerben bewirkt schnell das Gegenteil, nämlich Frustration bei allen anderen. Das heißt auch, die goldene Mitte neu schätzen lernen. Tatsache ist: Genies gibt es nur sehr wenige und diese sind auch nur geziehlt einsetzbar. Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit finden sich die meisten Menschen irgendwo um den Durchschnitt. Beim Intelligenzquotienten zum Beispiel wird der Mittelwert als 100 definiert. Die große Mehrheit weist einen IQ zwischen 85 und 115 auf.

Die große Mehrheit fühlt sich auch unter Ihresgleichen am wohlsten. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich arbeite auch lieber mit Menschen zusammen, mit denen ich über die spannenden Dinge des Lebens auf Augenhöhe diskutieren kann, ganz ohne Lexikon. Menschen wie Du und ich, mit tollen Stärken, aber ebenso mit sympathischen Schwächen. Die vielleicht nach objektiven Gesichtspunkten nicht zu den Genies oder Hochintelligenten gehören, aber mit so viel Engagement und Begeisterung ans Werk gehen, dass sie Großes vollbringen.

Ihr Sascha Frank

(Bild: istockphoto – mrPliskin)

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