Hochbegabt, wenig beliebt

Hochbegabung ist kein Garant für Karriere. Viele der etwa 1,6 Millionen hochbegabten Deutschen tun sich im Job schwerer als der Durchschnitt. Sie stoßen schnell an die Grenzen starrer Hierarchien und machen sich durch ihre scheinbar besserwisserische Art unbeliebt. Die einen suchen ihr Heil in der Anpassung, andere in der beruflichen Unabhängigkeit.

Der Vorteil der Schlauen ist, dass sie sich dumm stellen können. Andersherum ist das sehr viel schwieriger. Noch schwieriger, vor allem belastender, ist allerdings, wenn man sich permanent dumm stellen muss: um nicht aufzufallen, um vom Umfeld akzeptiert zu werden. Dieses Schicksal trifft viele der etwa 1,6 Millionen Hochbegabten in Deutschland. Hochbegabt – so nennt man allgemein Menschen mit einem IQ über 130. Hochbegabte lernen meist schneller als andere, können Probleme schneller lösen und sind sehr vielseitig interessiert. Dass es nicht gut ankommt, immer schlauer als die anderen zu sein, versteht sich von selbst. Schlauer zu sein als die Kollegen oder gar die Vorgesetzten. Wir kennen das schon aus der Schule: Klugscheißer, Besserwisser, Streber …

Gerade in traditionellen Unternehmen mit starren Hierarchien, Strukturen und Prozessen stoßen Hochbegabte daher schnell an Grenzen. Wenn sie sich nicht an die ungeschriebene Gesetze halten, dass höhere Gehaltsstufen auch höhere Intelligenz erlauben, dass Probleme nur nach langer Diskussion im Konsens gelöst werden dürfen, dass jeder nur das tut, was in seiner Stellenbeschreibung steht, dann sind sie schnell am Ende ihrer Karriereleiter angelangt. Viele Hochbegabte halten daher lieber mit ihren Fähigkeiten zurück. passen sich an. Was nicht unbedingt nur negativ zu sehen ist. Jedes Unternehmen, ja jedes soziale Gefüge, lebt von einer gewissen Anpassung und Kompromissbereitschaft der beteiligten Individuen. Und es ist kein Zeichen von Respekt, sich ständig in den Vordergrund zu drängen, selbst wenn man objektiv „besser“ ist als die anderen.

Doch ist es weder im Interesse der Gesellschaft noch der Hochbegabten selbst, dass diese ihre gottgegebenen Talente komplett unterdrücken. Viele Hochbegabte suchen daher nach Auswegen, wenn sie sich in ihrem beruflichen Umfeld eingeengt fühlen. Die Selbständigkeit kann eine Alternative sein. Breites Wissen, schnelle Lösungen und gute Ratschläge sind hier absolut gefragt. Gerade Beraterjobs sind für Hochbegabte attraktiv, da sie permanent mit neuen Aufgaben konfrontiert werden. Andere suchen sich einen Ausgleich, machen neben dem Beruf den Doktortitel oder nehmen Schauspielunterricht. Eine weitere Lösung ist, das Unternehmen zu wechseln. Junge Unternehmen mit flachen Hierarchien bieten mehr Freiraum für Hochbegabte.

Ein paar Handvoll Coaches haben sich in Deutschland übrigens auf das Coaching von Hochbegabten spezialisiert. Sie arbeiten mit den Betreffenden unter anderem daran, politisches Gespür zu entwickeln und Karrierehemmnisse geschickt zu umgehen, sich anzupassen und trotzdem die eigenen Stärken zu nutzen. Aber auch wir, „die anderen Anderen“, sollten uns näher mit dem Thema Hochbegabung beschäftigen. Erst recht, wenn wir einen Hochbegabten in unserem Umfeld haben. Denn: Wir brauchen jeden einzelnen schlauen Kopf, den wir kriegen können.

Ihr Sascha Frank

(Bild: Ferdinand Schmutzer, Wikimedia)

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