Karriere ab dem Kindergarten

Von unseren immer weniger Kindern wird immer mehr verlangt. Schon Babies werden intensiv gefördert und auf die spätere Karriere vorbereitet. Dahinter stecken die elterliche Angst vor der Zukunft und der Traum vom sozialen Aufstieg. Ob das den Kindern weiterhilft oder sie eher überfordert, ist umstritten.

G8 am Gymnasium. Verkürzung der Studienzeiten durch Einführung des Bachelors. Kürzlich die Meldung, dass deutsche Eltern so viel wie nie für Nachhilfe ausgeben, nämlich bis zu 1,5 Mrd. Euro pro Jahr. Alles Anzeichen für den steigenden Druck, der heute mehr denn je auf unserer Jugend lastet.

Sie finden das extrem? Dann schauen Sie sich einmal das an: Das Programm FasTracKids bietet für Kinder von 6 Monaten bis 8 Jahren Bildung bis zum Abwinken. Auf deren Webseite heißt es: Multisensorische Lehrmethoden kombiniert mit interaktiver Technologie bieten Kindern eine einzigartige Lernerfahrung. Fähigkeiten wie Kommunikation, kritisches Denken, Kreativität und Zusammenarbeit werden gefördert.

Hört sich nach Manager-Seminar an, oder? Genau das ist es ja auch: Unsere Babies sollen die Manager von morgen sein und sich im internationalen Wettbewerb um Top-Positionen behaupten können. Karriere ab dem Kindergarten. Die ersten Lebensjahre sind die wichtigsten und das Gehirn frisst in dieser Zeit alles in sich hinein, was es in die Finger, d.h. Synapsen bekommt. Einfach nur spielen? Nö, das wäre ja Zeitverschwendung.

Klaus Werle nennt im Artikel „Very Important Babies“ auf Spiegel-Online mehrere Gründe für diese Perfektionierung der Kindheit. Die Hauptmotivation sei der elterliche Traum vom sozialen Aufstieg gepaart mit dem Wunschdenken, man müsse sich dafür nur genug anstrengen. Der alte Gedanke „Mein Kind soll es einmal besser haben“ auf die Spitze getrieben, sozusagen. Zweitens wollen sich bildungsbürgerliche Eltern mit der Förderung Ihrer Kinder bewusst von der Unterschicht abgrenzen, die ihre Kinder klischeehaft vor dem Fernseher verkümmern lassen. Außerdem würden viele Frauen, die ihre Karriere fürs Kind aussetzen, nun ihren ganzen Ehrgeiz in die Kindererziehung einbringen. Damit sich die Babypause wenigstens lohne.

Ob das alles nur Ego und Ängste der Eltern bedient oder wirklich den Kindern hilft, ist umstritten. Gesicherte Erkenntnisse liegen nicht vor. Doch warnen Bildungsforscher und Neurobiologen vor übertriebender Sorge und zu hohen Erwartungen an das Kind. Kinder brauchen Zeit, müssen ihre Umwelt erforschen und spielerisch entdecken. Viele Lernangebote seien pure Reizüberflutung.

Die meisten der großen Menschen unserer Zeit hatten eine ganz normale Kindheit, ohne interaktives multisensorisches Lerndingsbums. Klaus Werle führt Albert Einstein als Paradebeispiel für dieses Argument ins Feld: „Einstein sei angeblich ein dickliches Kind gewesen, das gern still in der Ecke saß und – nichts tat.“

Ihr Sascha Frank

(Bild: istockfoto – arsat)

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