Kein Chef ist auch keine Lösung

Während sich die Arbeitswelt um uns herum rasant verändert ist die Organisationsform der meisten Unternehmen im Kern seit 150 Jahren dieselbe geblieben. Es gibt Teams, Abteilungen und Bereiche und es gibt Chefs, die diese leiten: Klassische Hierarchien eben. Man kann das anachronistisch finden, aber gibt es überhaupt Alternativen?

Die Digitalisierung, die weltweite Vernetzung, hat in den letzten Jahren den Wandel unserer Wirtschaft vorangetrieben. Wir reden von Industrie 4.0. Klingt ziemlich hochentwickelt, und das ist es auch. Es gibt aber einen Bereich, der sich bislang hartnäckig (fast) jeder Modernisierung widersetzt hat: Die Organisationsform von Unternehmen. Aufs Wesentliche reduziert sind Unternehmen noch genauso strukturiert wie vor 150 Jahren, zu Beginn der industriellen Revolution. Es gibt Teams, Abteilungen, Bereiche, jeweils mit eigenen Führungskräften, und oben drüber einen oder mehrere Geschäftsführer. Auch wenn die Hierarchie noch so flach ist, im Endeffekt treffen Führungskräfte die Entscheidungen und übernehmen die Verantwortung, mal mehr und mal weniger. Warum eigentlich hat sich die klassische Hierarchie so lange gehalten, wo doch alle von Eigenverantwortung, kollektiver Intelligenz und agilen Strukturen predigen?

Hierarchien geben Sicherheit und reduzieren Komplexität

Dafür gibt es mindestens zwei Gründe: Der erste ist, dass Hierarchien wichtige soziale Funktionen erfüllen: Sie geben Sicherheit und reduzieren Komplexität. Wenn ich einen Chef haben, weiß ich, von wem ich Entscheidungen absegnen lassen muss. Ich weiß, wer meine Leistung beurteilt. Wer im Ernstfall einen Konflikt löst. Wer der Sündenbock ist, wenn es schlecht läuft oder wenn Einschnitte drohen. Der Chef nämlich. Wer würde diese Rollen ansonsten übernehmen? Natürlich gibt es die High Potentials – gerüchteweise vor allem unter der Generation Y – die ihren Spielraum brauchen und gerne in sich selbst organisierenden, agilen, virtuellen Teams arbeiten. Die sollte man auch lassen. Aber es gibt eben die große andere Gruppe, der deutliche Ansagen, selbst wenn sie nicht gefallen, allemal lieber sind als die Unsicherheit, die zu große Freiheiten und eigene Entscheidungen nun mal mit sich bringen. Das meine ich nicht negativ, nicht jeder muss im Job seine Selbstverwirklichung suchen. Und auch als Mitarbeiter mit ansonsten hoher Eigenverantwortung würde ich bestimmte Entscheidungen mit weitreichenden Folgen nicht treffen wollen: welche Strategie das Unternehmen verfolgt oder wer im Zuge einer Sparrunde gekündigt wird. Das soll mal schön der Chef machen, der wird schließlich dafür bezahlt.

Nur Strukturen abzuschaffen ist noch keine neue Organisationsform

Ein weiterer Grund: Wenn es keine Hierarchie gibt, was gibt es dann? Strukturen abschaffen ist ja nicht per se eine neue, moderne Organisationsform. Wenn es keine Hierarchie gibt muss an deren Stelle ein Rahmen treten, der regelt, wie Teams organisiert, Entscheidungen getroffen und Konflikte gelöst werden. Im Artikel Kein Chef ist auch keine Lösung (Ähnlichkeiten zum Titel dieses Beitrags sind rein zufällig!) erzählt die Süddeutsche Zeitung die Geschichte von Traum-Ferienwohnungen. Die Internetfirma ist mittlerweile über 15 Jahre, hat über 100 Angestellte und 2015 klassische Strukturen und Hierarchien aufgelöst. Kurz zusammengefasst: Statt Abteilungen haben sie jetzt „integrative Teams“, Entscheidungen werden je nach Bedarf von verschiedenen Mitarbeiter getroffen, aber nicht demokratisch. Es funktioniert, aber der Geschäftsführer sagt: „Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass wir fertig sind.“ Es sei ein ständiger Prozess. Jedes einzelne Unternehmen müsse seine individuelle Organisationsform finden, sogar jeder einzelne Mitarbeiter.

Die Alternative muss praktikabel sein

Für Unternehmen, in denen alle sehr kreativ arbeiten müssen, ist das sicher eine Option. Aber eben keine, die sich in die Breite übertragen lässt. Nicht jeder hat die Nerven und die Zeit, permanent an seiner Organisation und seinen Entscheidungsprozessen zu feilen, es gibt auch so schon genug „Change“. Und vor allem braucht es Führungskräfte und Mitarbeiter, die ein solches Konzept mittragen (siehe oben). Da das nie alle sein werden, muss es also immer noch Unternehmen mit klassischer Hierarchie geben, in denen diese ihre Heimat finden können.

Moderne Zeiten hin oder her, solange niemandem etwas Besseres einfällt, was sich für abertausende Unternehmen auf der ganzen Welt adaptieren ließe, werden uns Abteilungen und Chefs wohl noch ein Weilchen erhalten bleiben. Mindestens weitere 150 Jahre, würde ich meinen. Wie alles im Leben hat eine feste Hierarchie ihre Vor- und Nachteile, Kosten und Nutzen. Und, nur mal unter uns, wenn man nicht mal mehr über unfähige Führungskräfte – „die da oben“ – schimpfen kann, was bliebe uns da denn noch?

Ihr Sascha Frank

Bild: Fotolia – blas

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