Keine Kinder, keine Inder

Der demografische Wandel beschäftigt Politik und Wirtschaft seit gut einem Jahrzehnt. Bereits heute haben deutsche Unternehmen Probleme, Führungsnachwuchs zu finden. Trotzdem wird das Thema immer noch sträflich unterschätzt, wie eine Studie belegt. Unternehmen müssen jetzt handeln, wenn sie im Kampf und qualifizierte Köpfe nicht den kürzeren ziehen wollen.

Man kann tatsächlich wieder den Fernseher einschalten und die Nachrichten schauen, ohne dass das Wort „Integrationsdebatte“ fällt. Vor einigen Wochen war das noch undenkbar. Alle Jahre wieder wird das Thema durchgekaut, diesmal stand es wieder einmal im Zeichen des Fachkräftemangels – mit durch den demografischen Wandel verursacht –, der die Wirtschaft angesichts der anziehenden Konjunktur umtreibt. Das Thema hat ausgeprägten Nerv-Faktor. Nicht, weil es unwichtig wäre, sondern weil es selten fachlich und konstruktiv geführt wird. Kinder statt Inder, hieß es vor 10 Jahren. Passiert ist seitdem nicht viel. Dabei hatte Ed Michaels in einer McKinsey-Studie bereits 1997 den War for talents ausgerufen und vor einer großen Lücke an hochqualifiziertem Nachwuchs gewarnt.

Es scheint so, als bin ich nicht der einzige, der von diesem Thema nichts mehr hören will. Die Boston Consulting Group und die World Federation of People Management Associations haben Anfang des Jahres 5500 Personalexperten aus 109 Ländern befragt. Die Wahrnehmung des demografischen Wandels hat seit 2008 abgenommen. In Deutschland wird das Thema nur als fünftwichtigstes Personalthema betrachtet, weltweit rangiert es auf Platz 19. Daran sieht man, wie man ein dringliches Problem kaputtreden kann. Denn das Problem ist da, die Folgen sind bereits zu spüren.

Über die Hälfte der Studienteilnehmer räumten ein, dass ihr Unternehmen Probleme habe, geeigneten Führungsnachwuchs zu finden. Deshalb besetzen sie Top-Positionen mit externen Kandidaten. Das bringt Nachteile mit sich. Denn Manager aus den eigenen Reihen werden eher von der Belegschaft unterstützt, müssen sich nicht erst an die Unternehmenskultur gewöhnen und sind dem Unternehmen gegenüber loyaler. Von den Kosten fürs Recruiting mal ganz abgesehen. Diese werden nämlich in Zukunft noch viel stärker steigen, wenn der Markt leergefegt ist. Schließlich suchen auch die Mitbewerber.

Innovationsgetriebene Branchen – die IT- und Kommunikationsbranche gehören dazu – steuern auf eine echte Katastrophe zu. Ohne die passenden Köpfe bleibt nicht nur Arbeit liegen. Es fehlt an Knowhow, an Ideen, an Strategien, mit denen man die Marktposition behaupten kann. So leidig das Thema vielen vielleicht ist und so unwahrscheinlich es ist, dass bald eine umfassende Lösung für den demografischen Wandel gefunden wird: Jedes Unternehmen muss Talentförderung zur Chefsache machen. Einkauf, Logistik, Produktionsqualität, … alles wird bis ins kleinste Detail gemanagt und optimiert. Warum nicht für die Entwicklung des/der zukünftigen Vorstandsvorsitzenden ein durchgängiges Konzept entwickeln? Das fängt ganz unten an, beim Praktikant, beim Azubi, beim Absolvent. Wer weiß, wo die in 20 Jahren stehen? Vielleicht ganz oben?

Einige Unternehmen sind schon sehr einfallsreich, locken Jungtalente mit Prämien oder speziellen Karriereprogrammen. Oder bieten flexible Arbeitsmodelle an, um beispielsweise Karriere und Familie besser unter einen Hut zu bekommen. Wie immer Sie es angehen wollen, tun Sie etwas. Jetzt. Dann können Sie sich die nächste Debatte über den demografischen Wandel ganz entspannt von außen anschauen.

Ihr Sascha Frank

(Bild: Havelbaude, Wikimedia)

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