Klimakiller Kritik

Das Wort „Kritik“ weckt bei uns eher unangenehme Empfindungen. Viel zu oft wird Kritik in deutschen Büros als Frustventil und Machtinstrument gebraucht. Statt das eigentliche Ziel zu verfolgen, gemeinsame Lösungswege zu finden. Neben der richtigen Art und Weise, wie Kritik geäußert wird, sind deshalb vor allem die Beweggründe und die Sichtweise auf andere wichtig.

Geben ist seliger denn Nehmen. Diese Lebensweisheit trifft vor allem auf Kritik zu. Kritik gibt uns nicht nur die Möglichkeit, Frust und Enttäuschung an anderen abzuarbeiten. Nein, sie hebt uns auch selbst auf eine höhere Stufe und streichelt unser Selbstbewusstsein. Denn andere für ein bestimmtes Verhalten zu kritisieren impliziert ja, dass ich mich erstens selbst besser verhalte und dass ich zweitens die Legitimation habe, den anderen maßzuregeln. Eine tolle Sache also, diese Kritik. Solange man nicht den Fehler macht, sich in die Lage des bemitleidenswerten Opfers hineinzuversetzen.

Sicherlich, man fühlt sich erleichtert und zehn Zentimeter größer, nachdem man so richtig Dampf abgelassen hat. Doch sicherlich stimmen Sie mir auch zu, dass permanente Frustkritik außer dem eigenen Ego so ziemlich niemandem weiterhilft. Sie vergiftet das Büroklima, zerstört die Motivation und damit langfristig auch die Leistung und Innovationskraft des Teams. Außerdem behindert sie die offene Kommunikation miteinander.

Ratgeber, wie Sie richtig kritisieren, gibt es viele. Diese Tipps in diesen Ratgebern sind meist korrekt und hilfreich. Doch selbst wenn Sie alle Techniken perfekt eingeübt haben fehlt zur Kritik-Kultur noch das alles Entscheidende: Der richtige Beweggrund. Kritik ist weder ein Überdruckventil für aufgestauten Ärger noch ist es ein Mittel, um anderen ihre Fehler vor Augen zu führen. Ziel von Kritik muss immer sein, gemeinsame Lösungswege zu finden, wie ein Missstand verbessert werden kann. Und zu Kritik gehört (fast) immer auch Selbstkritik, denn wie es so schön heißt gehören zum Streiten stets zwei. Kritik ohne Interesse am Gegenüber, ohne Einfühlungsvermögen, ohne Kompromissbereitschaft, kann auf die Dauer nicht funktionieren.

Bevor ich also konkrete Techniken für das Kritik-Gespräch einübe – Wortwahl, Körpersprache, vielleicht Atemtechnik, et cetera – muss ich an meinem Selbst- und Menschenbild arbeiten. Sind mir andere genauso wichtig wie ich? Bin ich bereit, mich selbst im Sinne des Teams zurückzustellen? Kann ich dazu stehen, dass ich selbst Fehler mache? Akzeptiere ich, dass andere anders sind als ich?

Wir neigen dazu, Dinge nicht so zu sehen, wie sie sind, sondern wie wir selbst sind. Wir schließen von uns auf andere. Wer diese Unart zumindest temporär „ausschalten“ kann ist einer förderlichen Kritik-Kultur schon einen ganz großen Schritt näher. Wer dann noch mit offenen Augen und Ohren in ein Gespräch geht, wird feststellen, dass ein Problem meist mehr als zwei Seiten hat. Ideal ist, diese Sichtweisen in Gedanken durchzuspielen, bevor man den Betreffenden mit der Kritik konfrontiert. So lassen sich schon mögliche Lösungsansätze vorbereiten, die man im Gespräch vorschlagen und diskutieren kann. Im besten Falle bringt Kritik dann mindestens zwei Sieger hervor: Den, der kritisiert hat, als auch den, der sie einstecken musste. Und alle anderen im Umfeld profitieren ebenfalls vom geretteten Klima.

Ihr Sascha Frank

(Bild: fotolia – Daniel Hohlfeld)

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