Lebenslauf mit Hindernissen

Eine ausgeglichene Einstellung zur eigenen Karriere ist in jeder Hinsicht förderlich. Wer bei allem, was er tut, nur auf den beruflichen Aufstieg schielt wird selten Freude haben, weder am Erfolg noch im Leben. Geradlinige, glattgebügelte Lebensläufe sind einfach nicht mehr angesagt. Besser ist, man findet heraus, was man am besten kann, konzentriert sich darauf und bleibt dabei offen für Neues.

Erst vor zwei Wochen hatte ich wieder einen hochmotivierten Absolventen vor mir sitzen. Er hatte sich auf eine Position bei einem unserer Mandanten beworben. Alles top: Bachelor- und Master in der Tasche, exzellente Noten, auch der persönliche Eindruck hervorragend. Mit 27 sucht er nun den Einstieg ins Berufsleben, die Voraussetzungen könnten nicht besser sein. Der Kandidat hatte allerdings Einwände. Seine längere Auslandsreise zwischen Abi und Studium, die würde er heute nicht mehr machen. Ebenso wenig die Reise durch Südamerika nach dem Bachelor. Diese Lücke im Lebenslauf mache sich nicht so gut.

Ja, warum denn eigentlich nicht? Wo ist das Problem? Die Zeiten, in denen man einen Auslandsaufenthalt als „Sprachreise“ oder „Interkulturelle Weiterbildung“ verklausulieren musste, sind doch definitiv vorbei. Spätestens seit der Generation Praktikum. Wann, wenn nicht am Anfang der Karriere, hat man denn noch so viel Zeit und Kraft, um in der Welt herumzukommen? Ich finde, es spricht für einen Kandidaten, wenn er seinen Horizont erweitert und verschiedene Perspektiven kennen lernt. Wenn er sich ausprobiert hat und jetzt genau weiß, was er gut kann und was er machen möchte. Wenn er Hindernisse überwinden musste und Flexibilität bewiesen hat.

Glattgebügelte, karriereoptimierte Lebensläufe sind langweilig. Oder unsexy – wie man heute sagt. Davon gibt es mehr als genug und man kann die Menschen hinter diesen Lebensläufen beliebig austauschen. Das Paradoxe daran ist, dass gerade diese Menschen meinen, sich durch ihre blütenweiße Karriereplanung einzigartig zu machen. Im Bewerbungsgespräch merke ich schnell, ob sich jemand für seinen Job begeistern kann oder bloß auf Geld und Prestige schielt. Eigentlich habe ich Mitleid mit solchen Zeitgenossen.

Dass Lebensläufe mit Hindernissen und Umwegen nicht schaden, kann man an vielen prominenten Beispielen sehen. Zahlreiche Wirtschaftsgrößen sind Studienabbrecher, haben Garagenfirmen gegründet, haben Unternehmen an die Wand gefahren, haben völlig verrückte Dinge getan oder sind schlicht mit etwas erfolgreich geworden, was weiter von ihrem gelernten Beruf nicht entfernt sein könnte. Warum sind diese Leute heute nicht irgendwelche Anzugträger mit Gelfrisur im mittleren Management? Nicht trotz, sondern weil sie sich ausprobiert und Gelegenheiten ergriffen haben, die sie auf Umwege führten: Auf Umwege zum Erfolg.

Klar wäre es effizienter, man wüsste schon als Kind, was man am besten kann und was am besten für einen ist. Aber ob das auch schöner wäre? Ich bezweifle es. Die schönen Seiten eines Landes sieht man erst, wenn man von der Autobahn runterfährt. Holprige Landstraßen und Schotterpisten nimmt man gerne in Kauf, wenn man dafür mit atemberaubenden Aussichten belohnt wird. So ist es auch im Leben.

Ihr Sascha Frank

(Bild: istockphoto-morganl)

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