Lustig ist das Job-Zigeunerleben

WiWo.de berichtete über Business-WGs, in denen ständig wechselnde Berufstätige für meist kurze Zeit zusammen arbeiten und wohnen. Die sehr romantisierte Darstellung des Job-Nomadenlebens rief starke Kritik bei den Lesern hervor. Vom Vorwurf, der Artikel fördere das Lohnsklaventum bis hin zu gänzlich unspektakulären Berichten der „Betroffenen“ ist alles dabei. Sehr amüsant!

Ja, das Zigeunerleben, das hatte schon was. Umherziehen, wann und wohin man wollte. Einfach Freiheit pur. Wer dieses Feeling noch einmal in der modernen Version erleben möchte, dem lege ich dringend den WiWo-Artikel Die neue WG-Romantik der modernen Jobnomaden ans Herz. Ich komme beinahe ins Schwärmen, wenn ich von den freischaffenden „Hippen, Kreativen“ lese, die von Business-WG zu Business-WG ziehen, in der Gemeinschaftsküche über Geschäftsideen brainstormen, am Feierabend in der Sauna über Investment-Strategien diskutieren. Kennen tun sie sich alle nur beim Vornamen. Denn in vier Wochen könnten sie schon wieder woanders sein. Der nähere Kontakt lohnt nicht. Ob nun aber der Artikel ironisch die zunehmenden „prekären Arbeitsverhältnisse“ kritisiert, die für viele Berufstätige einen festen Lebensmittelpunkt unmöglich machen, oder ob die WiWo-Redakteure wirklich vom aufregenden Job-Zigeunerleben träumen und ihr Blick schon so verklärt ist, dass sie gar nicht mehr sehen, was sie da schreiben – ich weiß es nicht.

Richtig abgerundet wird der Artikel – wie so oft – erst durch die Leserkommentare: Akademiker sieht 60 Jahre Deutsche Errungenschaften in Gefahr und wittert versteckte Werbung für das Lohnsklaventum. suri erinnert sich an Reportagen über Massenunterkünfte, in denen chinesische Wanderarbeiter eingepfercht werden. Auf einmal soll das hipp sein, fragt sie? Wäre ja nicht das erste Mal, dass merkwürdige Trends aus dem Ausland zu uns herüber schwappen, meine ich. Navigator macht sich Sorgen, wer den Abwasch und das Klo sauber macht und was mit den herumliegenden Socken passiert. Er würde lieber in einer Pension für 15 Euro die Nacht inklusive Frühstück wohnen. Das will Menetekel dagegen gar nicht. Er wohnt in einer Business-WG, weil er regelmäßig im Ausland unterwegs ist. Er schätzt den sozialen Anschluss in der WG, ist aber ansonsten ein ganz normaler Projektmanager. Kein „Hipper, Kreativer“, genauso wenig wie Mitbewohner. Er wohnt auch in einer WG, allerdings nicht als Notlösung. Er sei dort heimisch und gut mit seinen WG-Kollegen befreundet. Vielleicht kennt er ja sogar deren Nachnamen, wer weiß?

So amüsant der Artikel und seine Kommentare auch sein mögen, habe ich mich natürlich um eine höchst seriöse Analyse bemüht. Mein Fazit: Die WiWo als Sprachrohr moderner Sklaventreiber muss das Job-Zigeunerleben zum Trend erklären, um das ausgebeutete Volk bei Laune zu halten. Und um natürlich seinen Status als Hausblatt aller Business-WGs nicht zu verlieren. Das fest angestellte oder fest arbeitslose Proletariat muss das Job-Zigeunerleben natürlich als Niedergang unserer Zivilisation deklarieren, um davon abzulenken, dass es die modernen Nomaden eigentlich beneidet und nur zu faul ist, sich selbst auf Wanderschaft zu begeben. Die Betroffenen aber scheinen die Situation eher nüchtern zu sehen. Sind sie schon zu kraftlos, um sich noch wehren zu können? Ich denke, sie nehmen das Leben einfach wie es ist und stellen sich auf ein zunehmend dynamischeres Arbeitsleben ein. Ein paar Jahre hier und dort, das gehört heute zu einer Karriere dazu. Irgendwann lassen sich die meisten sowieso nieder und dann bleibt noch genug Zeit die Vorzüge der Sesshaftigkeit zu genießen. Und vielleicht amüsieren sie sich dann auch über Artikel wie diese?!

Ihr Sascha Frank

(Bild: istockphoto – argo8100)

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