Management süß-sauer

Westliche Manager fühlen sich ihren chinesischen Kollegen häufig überlegen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Chinesen den westlichen Management-Stil übernehmen würden, so die weit verbreitete Meinung. Doch wird das kaum passieren. Nicht nur, dass China vor Selbstvertrauen nur so strotzt und Anpassung gar nicht nötig hat. Auch die Geschichte lehrt uns etwas anderes.

Für den durchschnittlichen Deutschen steht China für Peking-Ente süß-sauer mit gebratenen Nudeln, für Billig-Importe und für Naturkatastrophen. Dem durchschnittlichen Manager, der mit China zu tun hat – wenn wir mal von seiner Existenz ausgehen – kommen beim Thema China langwierige Verhandlungen, undurchsichtige Verhaltensregeln und strenge Hierarchien in den Sinn. Diese kulturellen Unterschiede sehen wir jedoch eher als in Kauf zu nehmendes Übel an und nehmen sie als solches einfach hin, anstatt sie als Bereicherung zu sehen. Deshalb schleppen wir uns in Seminare für interkulturelles Business, lassen uns über die Sitzordnung bei chinesischen Meetings belehren und üben, üben, üben. Bis – ja bis die Chinesen endlich ihre lächerlichen mittelalterlichen Traditionen aufgegeben haben und mit uns als guten westlichen Kapitalisten auf Augenhöhe Geschäfte machen können.

Diese Einstellung ist fatal. Denn, realistisch betrachtet, besteht für China überhaupt keine Notwendigkeit, sich an westliche Unternehmenskulturen anzupassen. Sicherlich, viel muss sich noch ändern in chinesischen Unternehmen. Aber wer sagt, dass es genau so werden muss, wie wir es machen? Das letzte Jahrhundert hat gezeigt, dass aufstrebende Wirtschaftsmächte eher das Managementdenken der etablierten Player beeinflusst haben. Nicht andersherum. Beispiel: USA. Anderes Beispiel: Japan und Korea. Demnächst: China? Dann: Indien? Es wäre nicht das Schlechteste. Schließlich wird wohl keiner leugnen wollen, dass Lean Management oder Kaizen die europäische Wirtschaftstheorie bereichert hat. Und so können wir auch von chinesischen Managern einiges lernen. Sofern wir aufhören, sie zu belächeln und unsere eigene Art als Nonplusultra anzusehen.

Der auffälligste Unterschied ist der zwischen westlichem Quartals- und chinesischem Langfristdenken. Wir haben Pläne, Chinesen haben Visionen. Sie bringen ganze Städte innerhalb von Jahren vom Reißbrett auf die Wiese und wollen in 20 Jahren Automobil-Weltmarktführer sein. Dass sie bis dahin jedes Jahr noch Autos auf den Markt bringen, die der Rest der Welt belächelt bis zerreißt? Eine Randnotiz auf dem Weg zum großen Ziel. Wir Deutschen dagegen brauchen ein ganzes Jahrzehnt, um uns dazu durchzuringen, zwei Seitenflügel eines denkmalgeschützten Gebäudes abzureißen, um eine durchgängige ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke zu bauen. Wenn wir also über die „Naivität“ chinesischer Manager lachen, lenken wir nur von uns ab, von unserem Unwillen uns zu ändern.

China ist auf der Überholspur. Was kann sie davon abhalten, uns den neuen chinesischen Kapitalismus überzustülpen? Wir sollten die Chance nicht vertun, von ihnen zu lernen. Ich würde mich über Berichte von Ihnen freuen: Welche Erfahrungen haben Sie mit chinesischen Geschäftspartnern gemacht? Was waren Ihre größten Ängste, Ihre Erwartungen? Welche Fehler haben Sie gemacht? Was haben Sie gelernt, wie wurden Sie bereichert?

Ihr Sascha Frank

(Bild: fotolia – anna-lena)

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