Nicht jede Übung macht den Meister, Teil 2

Wie wird man ein richtiger Profi? Durch lockeres Üben und einfaches Wiederholen einer Sache jedenfalls nicht. Höchstwahrscheinlich machen wir dadurch einfach die gleichen Fehler immer und immer wieder. Nur mit zielgerichtetem Training können wir uns Schritt für Schritt verbessern. Welche vier Faktoren machen eine erfolgreiche Trainingsmethode aus?

„Ich mache das schon seit 20 Jahren!“ Mit einem Satz wie diesem gibt man seinem Gegenüber gerne einmal zu verstehen, wer hier der Chef ist und dass man sich jeden Zweifel an den eigenen Fähigkeiten verbittet. Diese Aussage beruht jedoch auf der Annahme, dass je länger man etwas tut, desto besser man darin wird. Eine höchst zweifelhafte Annahme, wie im ersten Teil dieses Artikels erklärt wurde. Durch einfaches Wiederholen einer Sache, und sei es über einen noch so langen Zeitraum, wird man nie wirklich gut. Meist pendelt man sich recht schnell auf einem akzeptablen Niveau ein und verharrt dann dort sein Leben lang.

Was machen die anders, die sich über die Jahre einen Ruf als Experte, als Genie, erworben haben, die ihr Geld als Profi in Sport, Kunst, Wissenschaft, etc. verdienen? Selbst wenn wir nicht so hoch hinaus wollen: Wie stellen wir es an, dass wir uns von „ganz gut“ nach und nach auf ein höheres Level bringen?

Vier Faktoren, die ein erfolgreiches Training ausmachen

Dafür brauchen wir die passende Übungsmethode. Der bereits im ersten Artikel erwähnte Psychologieprofessor Alan Ericsson hat dafür über die Jahre ein Konzept entwickelt, das er „zielgerichtetes Training“ nennt. Vier Kernpunkte dieser Methode stelle ich Ihnen vor:

  • Kurzfristige Ziele: An kurzfristigen Zielen können wir konkret arbeiten. Wir finden schnell heraus, was wir tun müssen, um sie zu erreichen. Und wir sind uns sicher, dass wir sie erreichen können, denn es sind ja nur wenige Schritte bis dorthin. Hohe, langfristige Ziele sind schwer anzugehen und demotivieren leicht. Machen Sie sich also keine Gedanken, wo Ihre Grenzen liegen könnten. (Sie wissen es sowieso nicht.) Gehen Sie einfach den nächsten, kleinen Schritt.
  • Komfortzone verlassen: Wir neigen dazu, unsere Schwächen zu umgehen. Wenn unsere Rückhand schlecht ist, spielen wir mehr Vorhand. Wenn wir uns bei der freien Rede verhaspeln, lesen wir ab. Besser werden wir so aber nicht. Die Ziele, die wir uns stecken, müssen höher sein als das, was wir bisher erreicht haben, wenn auch nur ein wenig. Wenn mir mit einer Methode an unsere Grenzen stoßen, müssen wir eben eine andere ausprobieren. Wenn uns eine Übung leicht fällt, wird es Zeit, die Latte ein wenig höher zu legen.
  • Feedback einholen: Aus Fehlern lernt man. Dafür muss man aber erst einmal wissen, was man falsch macht. Dann muss man analysieren, warum man den Fehler immer wieder macht und eine Methode finden, wie man den Fehler abstellen kann. Ein paar ganz selbstkritische unter uns mögen das alles selbst hinbekommen. Im Allgemeinen ist es aber doch am besten, sich Feedback von außen zu holen. Von jemand, der bereits ein Experte ist. Manche sagen auch Trainer, Coach, Lehrer dazu.
  • Konzentration: Klingt eigentlich selbstverständlich, dass man zum Lernen und Üben eine passende Umgebung wählt, die nicht ablenkt, die den Fokus verstärkt. Dass wir uns „warm machen“, mental vorbereiten und in Stimmung bringen. Damit unser Körper und Geist in Höchstform kommen sind ein gewisser Stress und Anspannung einfach erforderlich. Und dann wundern wir uns, warum uns die fünfminütigen Lektionen in der Lern-App beim Feierabend-Bierchen oder in der Straßenbahn nicht so wirklich nach vorne bringen.

Eigentlich nicht schwierig, oder? Nur klingt es nach verdammt harter Arbeit, was die ganze Sache doch wieder ein wenig unattraktiver macht. Es ist auch ok, wenn Sie Ihr Handicap für eine entspannte Golfrunde am Wochenende ausreichend finden und damit leben können, dass nach Ihrer Präsentation im letzten Quartalsmeeting niemand geklatscht hat. Man muss nicht in allem der Beste sein. Aber es gibt doch für jeden von uns diese eine Sache, in der wir gerne richtig gut wären: Endlich im Frankreich-Urlaub ausgiebig mit den Einheimischen parlieren können. Die Gäste am Abend mit einem raffinierten, selbstgekochten Menü verwöhnen können. Beim nächsten Stadtmarathon unter drei Stunden kommen. Haben Sie auch so einen Traum? Dann fangen Sie schon mal an zu üben, üben, üben. Aber bitte richtig!

Ihr Sascha Frank

Quelle: Peak: Secrets from the New Science of Expertise

Bild: Gratisography – Ryan McGuire

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