Raus aus dem Hamsterrad

Unsere Gesellschaft ist auf Superlative ausgerichtet: höher, schneller, weiter. Auch die typische Karriereleiter kennt nur eine Richtung: aufwärts. Da scheinen Manager, die den Ausstieg aus dem Aufstieg suchen, wie Exoten. Doch sind es gerade die High Potentials, die selbstbewusst entscheiden, wo ihre Karriere enden soll – und glücklich dabei sind. „Downshifting“ heißt dieses Phänomen.

Immer häufiger fragen Führungskräfte nicht nach Aufstiegs-, sondern nach eleganten Ausstiegsszenarien. Sie wollen raus aus dem Karrierekarussell bei dem kaum Zeit für Familie, Freunde und sich selbst bleibt. Finanzvorstand oder Assistent, Geschäftsführerin oder Chefsekretärin, Aufsichtsrat oder Teamleiter – sie alle tun es freiwillig. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Die einen warnt der eigene Körper: durch Kollaps oder Burn-out, weil die Arbeitsbelastung sie zu überfordern droht. Andere wollen mehr Zeit mit der Familie und ihren Freunden verbringen, die pflegebedürftig gewordenen Eltern versorgen oder die Welt kennen lernen. Und es gibt jene Spitzenkräfte, die sich eingestehen, dass sie die derzeitigen Aufgaben nicht mehr ausfüllen und neue Erfahrungen jenseits des Routinejobs suchen. In einer ehrenamtlichen Tätigkeit zum Beispiel.

Ihnen allen ist gemein: Sie wollen nicht aus Frust reduzieren, sondern um sich die Lust an der Arbeit zu erhalten. Längst hat das Phänomen, das in den USA bereits verbreitet ist, einen Namen: „Downshifting“: einen Gang herunterschalten. Der Schritt fällt nicht immer leicht. Mit einem Mal ist man nicht mehr informiert, Entscheidungen treffen andere und der Gehaltsscheck wächst nicht mehr von Jahr zu Jahr. Hinzu kommt, dass ein bewusster Karriereknick auch heute noch gesellschaftlich riskant ist. Wer freiwillig aussteigt, gilt schnell als Feigling, der lediglich schon jetzt vollzieht, was er später ohnehin erfahren hätte: dass er es nicht packt, da oben mitzuspielen. Die so genannten „Downshifter“ passen nicht in bisherige Karrieremuster. Fragen wie „Verbaue ich mir meine Zukunft?“, „Was ist los mit mir, dass ich keine Karriere (mehr) will?“ oder „Bin ich ein Versager?“ stellen sich unweigerlich. Die Antwort darauf muss sich jeder selbst geben.

Manager, die bewusst auf Position, Prestige, Gehalt verzichten und damit einen Schritt auf der Karriereleiter zurückgehen, sind noch selten. Ihre Zahl steigt. Denn es hat sich einiges verändert in Deutschland. Was zunächst mit einem Trend zu Auszeiten und Sabbaticals anfing, entwickelt sich hin zu einer neuen Lebenseinstellung. Neue Werte, neues Bewusstsein und das Bedürfnis nach Entschleunigung führen zu neuen Strömungen in der Gesellschaft. Als beispielsweise Matthias Platzeck bereits nach fünf Monaten seinen Posten als SPD-Chef aufgab und erklärte: „Ich habe meine Kräfte überschätzt.“, erntete er für seine Entscheidung und Ehrlichkeit viel Lob und Anerkennung.

Gerade junge Manager akzeptieren das Dogma „Höher ist besser“ nicht mehr unreflektiert, wollen raus aus dem Hamsterrad. Sie lehnen Karriere- und Gehaltssprünge ab, die zulasten ihres Privatlebens gehen, oder ziehen eine Fach- der Führungskarriere vor. Wenn Unternehmen für solche Mitarbeiter attraktiv sein und „Downshifter“ langfristig halten wollen, müssen sie ihnen entgegenkommen. Mit flexiblen, familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen und Karrieremöglichkeiten, die sich an den individuellen Lebensplanungen der Mitarbeiter orientieren.

Ihr Sascha Frank

(Bild: istockphoto – spectrelabs)

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