Reges Nachtleben im Kopf

Seitdem sich Wissenschaftler für unser Nachtleben interessieren, wissen wir: Im Schlaf arbeitet das Gehirn auf Hochtouren. Es analysiert, verschiebt, defragmentiert, löscht. Gesunder Schlaf ist die Voraussetzung für Gesundheit und Leistungsfähigkeit, körperlich wie mental. Koffein und Schlafmittel sind keine Lösung für Übermüdung und Schlafprobleme. Ein gutes Buch vor dem Einschlafen wirkt besser.

Ein schlafender Mensch… nun ja, er schläft. Er liegt da und tut nichts. Nicht sonderlich spannend. Seitdem Wissenschaftler in unsere Köpfe schauen können ohne sie aufzusägen, wissen wir aber: Das stimmt nicht! Schlafforscher haben auch den Schlaf als lebendigen Teil unseres Lebens entdeckt. Das Schlafen ist genauso wichtig wie das Wachen. Drinnen im Kopf geht des Nachts das Geplapper der Nervenzellen munter weiter. Das Gehirn räumt sich auf und festigt Erinnerungen. Im Schlaf bereiten wir vor, was wir tagsüber tun, denken und fühlen. Wir verarbeiten Erfahrungen, perfektionieren unsere Motorik, sortieren unser Gedächtnis, klären unsere tiefsten Werte und Gefühle. Das Gehirn hat sein eigenes Nachtleben. So wird der Mensch im Traum zu dem, was er ist.

Die Nacht beginnt mit der Dämmerung. Lichtempfindliche Zellen in der Netzhaut melden ans Gehirn: Schlafenszeit! Und viel zu oft schauen wir dann nicht in das wohltuende Rot des Sonnenuntergangs sondern in blaues Bildschirmlicht. Vor dem Rechner oder Fernseher. Folge dieser Zell-Irritation: Schlafmangel und gesundheitliche Risiken. Wie stark wir unserer Gesundheit durch Schlafmangel schaden ist vielfach belegt. Fachleute schätzen, dass ein Fünftel aller Unfälle im Straßenverkehr mit Schläfrigkeit im Zusammenhang stehen. Das ist so hoch wie der Anteil der Alkoholunfälle. Langfristig führt Schlafmangel zu Herzproblemen, Übergewicht, Diabetes, Muskelverspannungen, körperlicher Schlappheit, Burn-out. Wer ständig zu wenig schläft riskiert, langfristig am Schlafmangelsyndrom zu erkranken. Einige Hundertausend Menschen leiden in Deutschland darunter, oft ohne es zu merken. Die Leistungsfähigkeit leidet, Gereiztheit und Konzentrationsstörungen sind erste Anzeichen, die man ernst nehmen sollte.

Fatal wäre, mit Koffein gegen unser Schlafbedürfnis ankämpfen. Koffein blockiert die komplizierten chemischen Prozesse im Körper, die für unsere Leistungsfähigkeit und unser Wohlbefinden so wichtig sind. Genauso schädlich ist es, zu Schlafmitteln zu greifen. Jedes Jahr schlucken 20% aller Deutschen Benzodiazepine. Solche Mittelchen sind das chemische Äquivalent eines K.O.-Schlags. Sie setzen unser Wachbewusstsein gewaltsam außer Kraft. Das Gehirn schläft zwar, kann seinen wichtigen Funktionen aber nicht nachkommen. Schlafmittel hemmen die Verbindungen der Synapsen und damit den Kopiervorgang von Gedanken aus dem Kurz- ins Langzeitgedächtnis. So, als würde man beim Defragmentieren den Strom abschalten. Ohne das Aufarbeiten von Gefühlen und motorischen Fähigkeiten ist unser Kurzzeitgedächtnis mit Informationen überfrachtet, kann sie nicht mehr verarbeiten und schaltet ab. Das nennt der Mediziner schlicht Schlaganfall.

Lesen Sie also vor dem Einschlafen lieber ein gutes Buch statt durch 50 TV-Kanäle zu zappen, die eh nur Schrott zeigen. Oder besser noch, setzen Sie sich mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin auf den Balkon, genießen Sie gemeinsam die laue Sommernacht und lassen Sie den Tag Revue passieren. Das macht nicht nur mehr Spaß als trautes Schweigen vor der Mattscheibe. Es ist auch gesünder.

Ihr Sascha Frank

(Bild: istockphoto – olandesina)

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