Serendipität: Den Weg nach Indien suchen und Amerika finden

Wer sucht, findet. Aber oftmals etwas, was er gar nicht gesucht hat. Nicht erst seit Kolumbus Amerika mal eben im Vorbeifahren entdeckte, wissen wir, dass der Zufall bei großen Entdeckungen und Innovationen die Hauptrolle spielt. Serendipität, wie sich dieses „Zufalls-Prinzip“ nennt, ist heute in unserer hochvernetzten Welt aktueller denn je.

Im Internet nach einem Hands-on-Video für das neue iPhone suchen und ein neues Pfannkuchenrezept entdecken. Den schnellen Seeweg nach Indien suchen und Amerika entdecken. Beides sind Ereignisse mit recht unterschiedlichen Auswirkungen, die aber auf ein und dasselbe Prinzip zurückzuführen sind: Serendipität. Die lässt sich laut Wikipedia folgendermaßen definieren: „…eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist.“ Klingt abstrakt? Ist es nicht. Kommt häufiger vor, als man denkt. Kolumbus’ Entdeckung ist vielleicht der erste, gut dokumentierte Fall von Serendipität, es ist aber kaum anzunehmen, dass Rad und Feuer im Rahmen von staatlich geförderten Forschungsprojekten entwickelt wurden. Die Liste der modernen Entdeckungen, die auch auf dem Serendipitäts-Prinzip beruhen, ist lang. Nur drei Beispiele (ebenfalls aus Wikipedia entnommen) die für sich sprechen:

  • Röntgenstrahlen: Am späten Freitagabend des 8. November 1895 führte Conrad Wilhelm Röntgen mal wieder ein Experiment mit einer Kathodenstrahlröhre durch. Die Röntgenstrahlen entdeckte er ganz nebenbei, als er fluoreszenzfähige Gegenstände nahe der Röhre während des Betriebs der Kathodenstrahlröhre beobachtete, die trotz einer Abdeckung der Röhre (mit schwarzer Pappe) hell zu leuchten begannen. Obwohl bekannt ist, dass schon andere Wissenschaftler vor ihm Röntgenstrahlen (als Nebenprodukt) erzeugt hatten, war er der erste, der dem Phänomen Beachtung geschenkt und ihm weiter nachgegangen war.
  • Post-it: 1968 beschäftigte sich ein Chemiker des Unternehmens 3M mit der Entwicklung eines superstarken Klebers. Heraus kam jedoch nur eine mehr schlecht als recht klebende Masse. 3M war immerhin so clever, daraus eine Art selbstklebende Pinnwand zu entwickeln, an die man Zettel anheften und wieder entfernen konnte. Die verkaufte sich allerdings auch mehr schlecht als recht und so verschwand der Kleber wieder in der Schublade. Ein Kollege des ersten Technikers ärgerte sich sechs Jahre später darüber, dass beim Singen im Kirchenchor immer die Lesezeichen aus den Notenblättern fielen. Er erinnerte sich an den missglückten Kleber und versuchte als erster, Notizzettel direkt damit zu bestreichen: Die Post-its waren geboren.
  • Teebeutel: Um Gewicht zu sparen verschickte 1904 oder 1908 ein US-Teehändler seinen Tee in kleinen Seidesäckchen an seine Kunden, statt wie bisher in Blechdosen. Die Kunden tunkten mangels besseren Wissens den Tee einfach samt den Säckchen ins heiße Wasser und freuten sich über das einfache Handling. Da Seide aber auf Dauer für derartige Verwendung zu teuer war, nutzte man bald andere Materialien für die Teebeutel, die jedoch alle den Geschmack negativ beeinflussten. Erst 1929, also zwanzig Jahre später, brachte das Unternehmen Teekanne den geschmacksneutralen Teebeutel aus Pergamentpapier auf den Markt, den wir heute noch kennen.

Serendipität kann also ganz unterschiedlich zuschlagen. Im Falle Röntgens war es der aufmerksame Forscher im stillen Kämmerlein, der sich nicht nur auf sein erwartetes Ergebnis fokussierte, sondern auch mal nach links und rechts (im wahrsten Sinne des Wortes) schaute. Bei den Post-its kam es darauf an, dass Wissen zur passenden Zeit im passenden Kontext bei den richtigen Personen vorhanden war. Beim Teebeutel war es schlicht und einfach ein Missverständnis.

Klappt bei Ihnen nicht? Keine Sorge, das ist recht unwahrscheinlich. Die meisten Lösungen fallen uns eher zufällig ein, während wir uns mit anderem beschäftigen. Da die Ergebnisse selten bahnbrechend sind, merken wir das bloß nicht. Gerade ein so hochvernetztes Umfeld wie unseres, in dem Informationen überall und dauernd verfügbar sind, wir permanent mit Eindrücken aller Art bombardiert werden und permanent kommunizieren, ist wie geschaffen für Serendipität, für zufällige Entdeckungen und Geistesblitze. Nie war die Chance so hoch, mehrere scheinbar unzusammenhängende Informationen zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten zu teilen. Wir müssen uns nur – und das ist wohl der Knackpunkt – die Zeit und Muße nehmen, dieses Wissen zu verarbeiten, zu durchdenken, Neues mit Altem zu verknüpfen, Neues auszuprobieren, den Blick zu weiten, nicht alles sofort dem gnadenlosen Gesetz der Effizienz zu unterwerfen. Das sollten Sie übrigens auch Ihren Mitarbeitern zugestehen, wenn Sie gerne mehr Innovation im Unternehmen hätten. (Nur mal ein Stichwort: privates Surfen) Wer unter Druck Business as usual macht, wird mit aller Wahrscheinlichkeit deutlich am nächsten Amerika vorbeisegeln und nichts davon merken. Weil er gerade das Deck schrubbt. Aber Ihnen sollte das nicht passieren, jetzt sind Sie ja vorbereitet! Und jetzt nichts wie los zum Serendipitätieren!

Ihr Sascha Frank

Bild: Fotolia – Federico Rostagno

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