Steh auf, Männchen

Wir Deutschen gehen mit dem Scheitern ziemlich verkrampft um. Statt aus Fehlern zu lernen würden wir sie lieber vermeiden. Besonders dem Gekündigt-werden haftet ein Stigma an, gerade wenn man durch einen Jüngeren ersetzt wird. So ist es kein Wunder, dass die Schuld immer bei den anderen gesucht wird. Statt sich ernsthaft mit den eigenen Versäumnissen auseinanderzusetzen.

Heute starten wir mit zwei Zitaten. Das erste ist ein gängiges Sprichwort: „Hinfallen ist keine Schande, Liegenbleiben schon.“ Das zweite stammt von Kurt Tucholsky: „Wenn der Deutsche hinfällt, steht er nicht auf, sondern sieht sich um, wer ihm schadenersatzpflichtig ist.“ Tucholsky war Deutscher und er wusste, wovon er sprach. Um die Kultur des Scheiterns war es hierzulande noch nie sehr gut bestellt. Während man anderswo erst nach spektakulären Insolvenzen und durchlebten Krisen in die Top-Liga aufsteigen darf, versuchen wir Deutschen uns lieber am fehlerfreien Durchmarsch durchs Leben. Was sowieso nicht gelingt und uns immer wieder in tiefstes Selbstmitleid stürzt.

Gekündigt werden, das ist die schlimmste Form aller Demütigungen, die uns für immer anhängt. Speziell, wenn man schon viele Jahre in einem Unternehmen arbeitet, zu den Erfahreneren gehört und unerhörter weise durch einen Grünschnabel von der Uni ersetzt wird. Laut Arbeitsrecht gibt es ja – von schweren Delikten und Insolvenz der Arbeitgebers einmal abgesehen –, keinen triftigen Grund, jemand zu kündigen. Und so haben wir es quasi schwarz auf weiß, dass immer die anderen schuld sind. Was fatal ist: So übersehen wir unseren eigenen Anteil am Hinfallen. Außerdem vergeuden wir wertvolle Zeit damit, nach dem „Schadenersatzpflichtigen“ zu suchen, anstatt einfach aufzustehen und weiterzumachen. Nicht zuletzt lernen wir nichts für die Zukunft und stolpern das nächste Mal wieder über die gleiche Sache.

Nein, Sie und ich, wir sind natürlich nicht so. Aber bestimmt kennen Sie jemanden in Ihrem Bekanntenkreis, der nach der Kündigung auf einmal tausend Fehler in seinem früheren Unternehmen, bei seinen alten Kollegen, beim Chef diagnostiziert und es dort eh nicht mehr lange ausgehalten hätte. Ok, vielleicht stimmt das sogar. Doch dann drängt sich mir die Frage auf, warum er nicht schon beizeiten die Zelte abgebrochen und sich eine bessere Stelle gesucht hat. Sicher ist es bequemer, die Dinge auf sich zukommen zu lassen, als selbst etwas zu wagen. Doch wer die Bananenschale kommen sieht und geradewegs darauf zu läuft, darf sich nicht beschweren, wenn er ausrutscht.

Das Leben ist voller Bananenschalen. Wenn wir eine umgehen, rutschen wir auf der nächsten aus. Macht nichts. Darauf kommt es nicht an. Sondern darauf, dass wir nicht grübeln, wer denn die Schale dort hingeschmissen hat. Selbst wenn wir den Schuldigen finden, er wird uns kaum beim Aufstehen helfen. Das müssen wir selbst tun, und zwar mit angemessener Freude. So ein Hinfallen ist nämlich immer eine Gelegenheit, den bisherigen Kurs zu überdenken und ihn, wenn nötig, zu korrigieren. Hinfallen gibt uns immer etwas Zeit zum Nachdenken. War mein bisheriger Job der Richtige für mich? Habe ich alles in meiner Macht stehende getan? Habe ich mich gut verkauft? Warum habe ich es so weit kommen lassen? Möchte ich jetzt vielleicht etwas Neues wagen, eine Herausforderung annehmen? Früh übt sich, wer ein echtes Steh-auf-Männchen oder -Frauchen werden will. Fangen Sie beim nächsten Sturz damit an!

Ihr Sascha Frank

(Bild: fotolia – Michael Kempf)

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