Urlaub ohne Grenzen

Für Ihre Arbeitszeit sind viele Arbeitnehmer selbst verantwortlich. Jeden Urlaubstag dagegen müssen sie genehmigen lassen. Das US-Unternehmen Netflix geht einen anderen Weg: Jeder Mitarbeiter kann so viel oder wenig Urlaub nehmen, wie und wann er will. Nur die Arbeit muss gemacht werden. Klingt wie ein Traum – genau das wird es für die meisten vorerst bleiben.

Flexible Arbeitszeiten? Na klar! – Eigenverantwortliches Arbeiten? Na klar! – Selbstorganisation im Team? Na klar! – Freie Urlaubsplanung? Äh, nö. – Merken Sie was? Das Urlaubsantragsformular und der folgende Genehmigungsprozess sind uns schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir gar nicht bemerken wie Retro das eigentlich ist. Geradezu anachronistisch. Mitarbeiter bekommen immer mehr Verantwortung übertragen. Müssen unbezahlt länger bleiben, wenn das Projekt es erfordert und dürfen früher gehen, wenn mal etwas Luft ist. Nur sobald die freie Zeit „Erholungsurlaub“ heißt, gilt das nicht mehr. Ich gebe zu, auch ich habe mir darüber bisher keine Gedanken gemacht, bis ich diesen Sommer mehrmals auf Presseberichte über das Online-Unternehmen Netflix stieß. Und die letzte Coaching Zone 2010 ist ein guter Anlass für dieses Thema, dachte ich mir.

Bei Netflix trug sich vor einigen Jahren Folgendes zu: Einer der 600 Mitarbeiter wollte vom Vorstandschef Reed Hastings wissen: „Ihr zählt nicht die Stunden, die ich arbeite, wieso also zählt ihr die Anzahl meiner Arbeitstage?“ Als dieser keine Antwort darauf hatte, flüchtete er sich nicht – wie in solchen Kreise durchaus üblich – in Ausreden und verworrene Erklärungen. Nein, er tat etwas. Er schaffte die bisherige Urlaubsregelung komplett ab. Seit dem kann jeder Netflix-Mitarbeiter Urlaub nehmen wann er möchte und so viel er möchte. Ja, Sie lesen richtig: Es gibt keine Obergrenze. Die einzige Vorgabe ist, dass die Vorgesetzten immer informiert sein müssen, wo und wie lange sich ein Mitarbeiter im Urlaub befindet, ob seine Arbeit erledigt ist oder von einem Kollegen übernommen wird. Zugespitzt formuliert: Jeder kann nun selbst entscheiden, ob er das Jahr durcharbeitet oder Dauer-Siesta macht. Es kommt nicht auf die Arbeitszeit an, sondern auf das, was in dieser Zeit geleistet wird. In einer Präsentation zur Firmenphilosophie drückt Netflix das so aus: Nicht „Effort“ zählt, sondern „Effectiveness“.

Klingt alles wie ein Arbeitnehmertraum. Ob seit dieser Regelung mehr oder weniger Urlaub genommen wird, weiß keiner. Weil eben auch keiner mitzählt und kontrolliert. Und Netflix hat es nicht geschadet, selbst wenn es einige geben sollte, die das System ausnutzen. Ist ja auch logisch, denn der Zusammenhang zwischen Motivation und Eigenverantwortung ist hinlänglich bekannt. Doch kann man der neuen Freiheit durchaus auch eine kritische Note abgewinnen. Überlastete, ausgebrannte Mitarbeiter geraten schnell in Gefahr, auch auf die letzten Urlaubstage zu verzichten. Und lösen damit einen internen Wettbewerb aus, wer denn am längsten ohne Urlaub kann.

Schule gemacht hat das Arbeitszeitmodell jedenfalls nicht: Lediglich ein Prozent der US-Unternehmen gab bei einer Umfrage an, dass den Mitarbeitern die Anzahl der Urlaubstage freigestellt wird. Es scheint also vorerst ein Arbeitnehmertraum zu bleiben.

Ihr Sascha Frank

(Bild: fotolia – israel gonzalez-soto)

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