Zwischen A und B

Das Auto ist uns heilig, gleichzeitig beschert uns das Autofahren mehr Stress und Ärger statt Vergnügen. Die tägliche Fahrt zur Arbeit oder zu Kunden ist ein notwendiges Übel, das wir möglichst schnell hinter uns bringen wollen. Das muss nicht sein. Wer Autofahrten als Lebenszeit begreift kann ganz neue Freuden an der Fortbewegung finden. Eine kleine Utopie.

Erst ein dicht auffahrender Drängler, dann ein halbblinder Rentner auf der linken Spur, viel zu viele LKWs, Baustellen sowieso, und eigentlich müsste es stehen statt fahren heißen. Alltäglicher Wahnsinn auf deutschen Straßen. Sind Sie Berufspendler, müssen weite Strecken zu Kunden fahren? Geben Sie es ruhig zu. Auch Ihnen kommt regelmäßig der Gedanke: „Ja bin ich denn der einzig normale, der hier unterwegs ist?!“ Beruhigen Sie sich, Sie sind nicht allein. Irgendwo da draußen gibt es bestimmt noch vereinzelte Menschen, die ähnlich empfinden wie Sie.

Für Verkehrsgeplagte gibt es zahlreiche durchaus gut gemeinte Ratschläge. Ruhige, vorausschauende Fahrweise. Anti-Aggressions-Trainings, damit man im nicht austickt, wenn der überholende LKW die Spur für 15 Minuten blockiert. Öfter mal neue Routen für den Weg zur Arbeit ausprobieren. Alles Quatsch, wenn Sie mich fragen. Wenn alle Menschen gleichzeitig möglichst schnell von einem Ort zum anderen kommen wollen, gibt’s Probleme. Unausweichlich. Und da liegt des Pudels Kern eigentlich begraben, wenn Sie mich fragen. Es ist unsere Einstellung. Wir begreifen Autofahrten nämlich nur als lästige Verbindung zwischen zwei geographischen Orten, zwischen A und B. Autofahrten sind für uns ein Zustand des Nicht-Seins, ein halblebiger Dämmerzustand, den wir möglichst schnell überwinden wollen. Der Weg ist das Ziel, von wegen.

An diese verquere Einstellung müssen wir ran. Irgendjemand hat mal gesagt, wir müssten wieder mehr reisen. Womit weniger das Meilen sammeln gemeint ist sondern das bewusste Erleben einer Fahrt. So sieht das wirkliche Erfolgsrezept für entspanntes Fahren und freundliche Straßen aus. Wir müssen Fahrten zur Arbeit, zu Kunden, oder auch zum Einkaufen nicht als Intermezzo zwischen zwei sinnvollen Tätigkeiten sehen, sondern als Teil dieser. Als Verlängerung unserer Arbeits- oder Freizeit, als Lebenszeit. Dank der Technik alles kein Problem mehr. Telefonieren, Hörbucher oder Podcasts hören, Präsentationen üben. Im Zeitalter der Freisprecheinrichtungen wird auch ihr Staunachbar nicht mehr blöd gucken, wenn Sie im Auto Selbstgespräche führen. Arbeitszeit im Auto also kein Problem. Und wenn Sie im Stau stehen, erledigen Sie eben eine Aufgabe mehr.

Wenn Sie lieber Freizeit haben im Auto? Auch gut. Hören Sie eben spannende Krimis statt Fachbücher. Genießen Sie Ihren Lieblings-Flavoured-Latte-Macchiato to go. Rufen Sie mal wieder Bekannte an, die Sie schon lange nicht mehr getroffen haben. Und freuen Sie sich: Für diese Dinge hätten Sie zuhause oder im Büro alle keine Zeit und keine Muse! Die Königsdisziplin des entspannten Fahrens ist allerdings die Fahrgemeinschaft. Entweder mit Kollegen oder mit wechselnder Begleitung über die Mitfahrerzentrale. Sind Sie erst einmal ins Gespräch mit interessanten Menschen vertieft werden Sie sich wünschen, die Fahrt ginge nie zu Ende.

Wichtig bei all diesen Dingen ist die Vorbereitung. Das Zubehör für die perfekte Fahrt müssen Sie natürlich einpacken. Zeitig losfahren schadet übrigens auch nicht. Sollten Sie doch wider Erwarten nicht im Stau stehen und früher ankommen, haben Sie wieder Grund zur Freude: Noch mehr Zeit zum Arbeiten oder zum Pause machen und das Leben genießen.

Ihr Sascha Frank

(Bild: Alexander Blum)

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