Open Salary: Warum Sie die Gehälter Ihrer Mitarbeiter veröffentlichen sollten – oder sogar müssen

Jeder weiß, was der Kollege verdient: in Deutschland scheint das undenkbar. Doch Gehalt ist längst nicht mehr das große Tabu-Thema.  Ein neues Gesetz zwingt hiesige Unternehmen außerdem bald zu mehr Transparenz. Fördern “Open Salaries” die Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern oder haben sie nicht sogar echte Vorteile?

Wie viel verdienen Sie eigentlich? Bitte schreiben Sie doch mal Ihr Jahresgehalt, Ihren Namen, Ihre Position und Ihr Unternehmen als Kommentar unter diesen Blogbeitrag. Nein nein, brauchen Sie nicht. Ist nur Spaß. Ich kenne Ihr Gehalt längst. Habe es auf der Webseite Ihres Arbeitgebers nachgelesen.

Das Unternehmen Buffer veröffentlicht alle Gehälter im Netz

Ja, klingt komisch, wäre aber so, wenn Sie bei der Softwareschmiede Buffer arbeiten würden. Die listet im Web die Gehälter aller Angestellten vom CEO bis zum “Twitter Hero” auf, samt nachvollziehbarer Berechnungsformel. Zugegeben, das ist schon extrem. Doch selbst wenn Sie die Gehälter nicht nach außen hin öffentlich machen, hört man doch immer wieder von Unternehmen, die nach innen hin Gehälter und deren Berechnung transparent machen. Zum Beispiel die US-Supermarktkette Whole Foods. Jeder kann dort nachschauen, welches Sümmchen die Kollegen monatlich aufs Konto bekommen.

Neues Gesetz zwingt deutsche Unternehmen zu Gehaltstransparenz

In Deutschland fallen einem zu “Gehaltstransparenz” wahrscheinlich als erstes die Wörter “Neidkultur” und “Tabu-Thema” ein. Doch hierzulande tut sich etwas. Die Regierung hat jüngst ein neues Gesetz beschlossen, mit dem ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen bekämpft werden soll. In Unternehmen ab 200 Mitarbeitern haben alle das Recht, Auskunft über die Gehaltsstrukturen zu bekommen. Auch darüber, nach welchen Kriterien ihre Tätigkeit bewertet wird und wie sie im Vergleich zu ihren Kollegen/innen des anderen Geschlechts dastehen. Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern müssen selbst regelmäßig über den Stand der Lohngleichheit informieren.

Gehälter sind das transparenteste Geheimnis

Arbeitgeber fürchten, dass transparente Gehälter ständige Diskussionen befeuern und sie am Ende drauf legen, weil natürlich jeder die Angleichung seines Gehalts an das des besser verdienenden Kollegen fordert. Das mag zutreffen. Fraglich ist nur, ob die  Pseudo-Geheimhaltung der Gehälter das Problem löst. Wer wieviel verdient ist unter Kollegen kein absolutes Tabu-Thema mehr, unten den jüngeren Generationen Y und Z sowieso nicht. Gehaltsunterschiede werden schnell bekannt und sorgen für Unzufriedenheit. Da ich offiziell aber gar nicht Bescheid wissen darf, spreche ich die Sache bei meinem Chef nicht an. Lieber passe ich meine Leistung nach unten an oder suche mir gleich eine neue, besser bezahlte Stelle.

Transparenz wirkt latenter Unzufriedenheit entgegen

Studien zeigen: ein Großteil der Angestellten fühlt sich unterbezahlt und nimmt an, andere würden besser bezahlt – völlig unabhängig von der realen Situation. Heimlichtuerei verstärkt dieses Gefühl nur. Wo alles fair und gerecht zugeht, könnte man ja offen und ehrlich sein, oder? Dabei geht es nicht einmal um die absolute Höhe des Gehalts. Sondern mehr darum, nach welchen Kriterien die Höhe festgelegt wird. Wenn ein Kollege tausend Euro pro Monat mehr verdient als ich, ist das erst einmal unfair. Wenn der Kollege ein Familienvater aus München mit 15 Jahren Berufserfahrung ist und ich ein allein lebender Berufsanfänger in Berlin bin, kann ich mit dem Gehaltsunterschied leben. Wenn aber der Kollege einfach nur besser verhandelt oder lauter geschrien hat, bleibt es unfair.

Sind Ihre Gehaltsstrukturen fair und nachvollziehbar?

Das neue Gesetz erlaubt Mitarbeitern, den Klageweg zu beschreiten, wenn sie ohne Grund weniger Geld bekommen als Kollegen/innen des anderen Geschlechts mit gleichwertigen Aufgaben. Könnte das bei Ihnen passieren? Selbst wenn Ihr Unternehmen unterhalb der 200-Mitarbeiter-Grenze bleibt: Würde Offenheit in puncto Gehalt bei Ihnen intern zu Unruhe und Neid-Debatten führen? Wenn ja, ist vielleicht nicht die Transparenz das Problem, sondern es sind Ihre Gehaltsstrukturen. Ist bei Ihnen “deutsch, männlich, groß, mit selbstbewusstem Auftreten” die – unterbewusste – Formel für hohe Gehälter? Oder könnten Sie Ihren Mitarbeitern objektiv erklären, warum sie wie viel verdienen, warum sie mehr und er weniger?

Transparente Gehälter sind ein Motivationsturbo

Geld allein macht nicht glücklich und motiviert auch nicht nachhaltig. Wissen wir. Das Gefühl, fair bezahlt und unter Kollegen gleichwertig behandelt zu werden, beugt aber nicht nur Unzufriedenheit vor. Es kann ein echter Turbo für Motivation und damit Produktivität sein und den Zusammenhalt unter Ihren Teams stärken.

Es dürfte zwar ziemlich unwahrscheinlich sein, dass deutsche Unternehmen ihre Gehälter eines Tages tatsächlich auf ihrer Webseite veröffentlichen. Aber ein paar Schritte hin zu transparenterer und fairerer Bezahlung täte vielen kleinen und großen Unternehmen gut – und zwar schon bevor sie per Gesetz dazu verpflichtet werden.

Ihr Sascha Frank

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