Volle Teilzeit für alle: Das Märchen von den acht Stunden Produktivität

Der Acht-Stunden-Tag ist Standard in der deutschen Wirtschaft. Wer Karriere machen will, arbeitet freiwillig noch mehr, die Unternehmen freut´s. Dabei ist längst bewiesen, dass es schlicht unmöglich ist, so lange produktiv zu sein. Ein Start-Up aus San Diego hat diesen Fakt konsequent zu Ende gedacht und radikal umgesetzt – mit beeindruckenden Erfolgen.

Was ergibt ein Arbeitstag minus Kaffeepausen, Schwätzchen mit Kollegen, privatem Internetsurfen, Tagträumen, Mittagstief, unnötigen Meetings und Pseudo-Beschäftigungen? Genau fünf Stunden, sagt Stephan Aarstol, CEO des in San Diego ansässigen Start-Ups Tower. Aarstol arbeitet täglich selbst nur von 8-13 Uhr und erwartet von seinen Angestellten dasselbe. Bevor Sie fragen: Nein, Tower ist keine hippe App-Schmiede und auch kein humanistisch geprägter Bioladen. Mit gut zwei Handvoll Mitarbeitern stellt Tower Paddelbretter, also physische Produkte, her und vertreibt diese auf der ganzen Welt. Tower erwirtschaftet sechs Jahre nach der Firmengründung bereits knapp 10 Millionen Dollar Umsatz und konnte in der TV-Show ‚Shark Tank‘, dem US-Vorbild von ‚Die Höhle der Löwen‘, trotz missratener Präsentation einen namhaften Investor überzeugen. Einen Investor, der wie die meisten anderen nicht speziell dafür bekannt ist, alternative Arbeitsmodelle zu unterstützen. Sondern der Geld verdienen will.

Nicht genug damit, dass alle Tower-Mitarbeiter nur noch 25 Stunden pro Woche arbeiten, sie bekommen nach wie vor ihr volles Gehalt und zusätzlich eine Gewinnbeteiligung. Im Endeffekt verdienen sie so fast doppelt so viel pro Stunde wie vorher. Was trieb CEO Aarstol dazu? Wir können sicher sein, Menschenfreundlichkeit war es nicht, zumindest nicht vorwiegend. Leistungsziele für die Mitarbeiter werden nicht gesenkt, Deadlines nicht verschoben. Die Arbeitszeitverkürzung war keine Erlaubnis, weniger zu arbeiten, sondern die Aufforderung, produktiver zu werden.

Kann das klappen? Ja. Seit der Umstellung stiegen die Umsätze von Tower um 40%, bei gleich bleibenden Lohnkosten. Wir reiben uns verwundert die Augen und fragen uns, wie das sein kann. Dabei hat Aarstol nur konsequent Erkenntnisse umgesetzt, die uns aus Forschung und täglicher Erfahrung längst bekannt sind. Der Acht-Stunden-Arbeitstag ist ein Märchen. Man hat glasklare Zusammenhänge festgestellt, dass mit zunehmender Länge der täglichen Arbeitszeit die Produktivität und die Qualität der Arbeitsergebnisse abnehmen. Kein Mensch kann acht oder mehr Stunden pro Tag wirklich produktiv arbeiten. Moderne Arbeitsgeräte und Digitalisierung hin oder her, spätestens nach etwa sechs Stunden ist Schluss mit der Konzentration. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit, noch etwas Sinnvolles zustande zu bringen. Bekannt ist auch, dass kürzere tägliche Arbeitszeiten deutlich positive Effekte auf die Mitarbeitermotivation und den Krankenstand haben.

Unsere Wirtschaft ignoriert diese Erkenntnisse bisher standhaft und setzt nach wie vor auf möglichst lange körperliche Anwesenheit. Karriere machen heißt Überstunden machen. Gehen Sie doch einmal schon am frühen Nachmittag nach Hause mit der Begründung, dass Sie heute so produktiv waren wie nie. Vermutlich wird sich Ihr Chef erst mal einen Whisky einschenken. Am nächsten Tag werden Ihnen sicher weitere Aufgabengebiete zugeteilt, da Sie scheinbar nicht ausgelastet sind. Offensichtlich ist die preußische Arbeitsmoral noch so tief in unseren Genen verwurzelt, dass sie regelmäßig über wirtschaftliche Vernunft siegt.

Ich sehe eigentlich keinen Grund, warum das Beispiel von Tower nicht übertragbar sein sollte. Es ist ein Unternehmen wie zig andere, mit Einkauf, Produktion, Kundenservice, Buchhaltung. Es muss telefonisch erreichbar sein und Liefertermine einhalten (der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass Überstunden bei Tower durchaus im Rahmen erlaubt sind, gerade bei kreativen Tätigkeiten). Wovor also haben die Unternehmen Angst? Neben dem Produktivitätsgewinn würden kürzere Arbeitszeiten mit vollem Gehalt zudem ein dringendes Problem vieler Betriebe lösen: Sie hätten damit ein extrem starkes Argument im Kampf um qualifizierte Mitarbeiter an der Hand.

Ihr Sascha Frank

P.S.: Tower-CEO Stephan Aarstol hat seine Erfahrungen in einem Buch aufgeschrieben: The Five-Hour Workday: Live Differently, Unlock Productivity, and Find Happiness

Bild: Fotolia – suksao

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