Wer echtes Teamwork will darf Einzelkämpfer nicht noch belohnen

Es gibt kaum ein Unternehmen, in dem nicht „im Team“ gearbeitet wird und „Teamfähigkeit“ zum geforderten Skillset gehört. Aber was heißt das schon? In der Realität werden Auszeichnungen für Einzelleistungen vergeben und Boni auf der Basis individueller Zielvereinbarungen gezahlt. Wer echte Teamarbeit will muss diese auch honorieren.

Geben Sie es ruhig zu, Sie haben auch dieses eine Wörtchen in Ihren Stellenausschreibungen: Teamfähigkeit. Klingt gut. Schaut man mal genauer hin, heißt Team oft nur: gemeinsamer Vorgesetzter, vielleicht gemeinsames Büro, ein gemeinsamer Themenbereich. Man trifft sich in Meetings, geht zusammen in die Kantine. Aber so richtig Teamwork? Im Endeffekt kämpft jeder für sich, arbeitet an seiner persönlichen Zielerreichung und an der nächsten Karrierestufe statt sich so zu verhalten, wie es für das Team und den gemeinsamen Erfolg am besten wäre. Am Ende ist sich jeder selbst der Nächste, wie man so sagt.

Unternehmen setzen Anreize für egoistisches Verhalten

Warum ist das so? Mal andersherum gefragt: Wann würden Sie den Erfolg des Teams über Ihre eigenen Ziele und Vorteile stellen? Im Grunde doch dann, wenn Sie konkret etwas davon haben. Ein gutes Gewissen, ja, ein bisschen mehr wäre aber schon schön. Anerkennung, Karrierechancen, finanzielle Vorteile. In Firmenbroschüren und auf Betriebsversammlungen wird von Teamarbeit geschwärmt und die tolle Gesamtleistung „der Belegschaft“ gelobt. Aber wer macht wirklich Karriere? Die, die sich selbst am besten verkaufen. Wer bekommt eine Auszeichnung? Die mit dem höchsten Vertriebsumsatz. Wer darf sich über üppige Boni freuen? Die, die ihre individuell vereinbarten Jahresziele erreicht haben. Eine Auszeichnung für den teamfähigsten Mitarbeiter, für die engagierteste Unterstützung der Kollegen und für herausragende Leistungen im Dienste des Betriebsklimas wurde meines Wissens noch nie vergeben – geschweige denn werden auf dieser Basis Boni ausbezahlt. Voller Einsatz für den Teamerfolg lohnt sich in den meisten Fällen leider nicht.

Individuelle Ziele beeinträchtigen den Unternehmenserfolg

Das ist kontraproduktiv. Nehmen wir mal individuelle Zielvereinbarungen und Boni als Beispiel. Stimmen Sie Zielvereinbarungen einzelner Mitarbeiter aufeinander ab? Kann ich mir kaum vorstellen. Produktmanager A soll ein neues Produkt erfolgreich im Markt platzieren, Kollege B stellt dafür aber keine Vertriebsressourcen bereit, weil er umsatzgebunden bezahlt wird und lieber auf die Cash Cows setzt. Supportmitarbeiter C ertrinkt in Reklamationen, weil Produktmanager A ein total verbuggtes Produkt noch unbedingt vor Jahresende fertigstellen wollte – so lautete eben sein Ziel. Und Mitarbeiter D hat nach Erreichen seiner Jahresziele die Arbeit längst eingestellt, um die Messlatte fürs kommende Jahr nicht unnötig hoch zu legen. Individualziele verhindern oftmals vernünftige Entscheidungen und gesamtunternehmerisches Denken, fördern teilweise sogar ein Gegeneinander. Gelobt sei, was mich auf meine nächste Bonusstufe bringt. Aus genau diesem Grund hat beispielsweise Robert Bosch 2015 die individuelle Komponente bei den Bonuszahlungen abgeschafft, mehr Geld gibt es jetzt nur noch abhängig vom Bereichs- oder Unternehmenserfolg.

Auch die Konzentration immer nur auf die Besten, auf einzelne Mitarbeiter, ist nicht wirklich förderlich. Wo würde Ihr Unternehmen stehen, wenn sie nur noch Ihre so genannten Top-Performer hätten? Ohne die Kollegen, die Tag für Tag engagiert die Routineaufgaben abarbeiten, wäre es mit der Leistung schnell dahin. In der agilen Entwicklung (SCRUM) setzt man auf Teams, die sich selbst organisieren und intern die Aufgaben verteilen. Wer dort die Killer-Features programmiert, wer nach Bugs sucht und wer für Koffeinnachschub sorgt: unerheblich. Was zählt, ist das Endergebnis. Und das ist optimal, wenn jeder Mitarbeiter entsprechend seinen Fähigkeiten an der Stelle eingesetzt wird, wo er für das Team den höchsten Wert schafft. Viele Tätigkeiten, die für ein Unternehmen extrem wertvoll sind, passieren im Hintergrund und können kaum an irgendwelchen Leistungszielen gemessen werden.

Zeichnen Sie Ihre Teamplayer aus

Wenn Sie also wirklich teamfähige Mitarbeiter haben möchten, die unternehmerisch denken und im Sinne des Unternehmenserfolgs handeln, dann setzen Sie die richtigen Anreize. Zeichnen Sie die tollsten Teams aus, die begeisterndsten Bereiche, die unermüdlichsten Unterstützer, die altruistischsten Assistenten. Belohnen Sie alle, wenn es gut läuft. Und bevor Sie das nächste Mal den Begriff „teamfähig“ in Ihren Stellenausschreibungen verwenden, fragen Sie sich bitte, ob Sie das auch ernst meinen.

Ihr Sascha Frank

Bild: Fotolia – BillionPhotos.com

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