Wer braucht schon Soft Skills? Angestellte wollen Chefs mit Fachkompetenz

Fachkompetenz als Anforderung an Führungskräfte hat in den letzten Jahren deutlich an Relevanz verloren. Charisma, emotionale Intelligenz, Agilität – das sind die Eigenschaften, die gute Chefs heutzutage ausmachen sollen. Aber sind diese Soft Skills wirklich entscheidend für die Zufriedenheit und Produktivität von Mitarbeitern?

Mitarbeiter verlassen keine schlechten Unternehmen, sie verlassen schlechte Chefs, sagt eine alte Manager-Weisheit. Der Einfluss der Vorgesetzten auf die Zufriedenheit von Mitarbeitern ist nachweislich größer als jeder andere Faktor. Doch, von reiner Sympathie einmal abgesehen: Welche Eigenschaft meines Chefs oder meiner Chefin ist wirklich entscheidend dafür, ob ich meinen Job liebe oder jeden Morgen mit Grummeln im Bauch im Büro auftauche? Glaubt man Studien, Management-Literatur und dem allgemeinen Zeitgeist, dann sind es: Charisma, Führungsstärke, Menschenkenntnis, Empathie… Soft-Skills eben. Wir brauchen Leader, die Visionen haben, die Menschen mitreißen und agil führen können.

Fachkompetente Chefs machen glücklich

Ja solche Leader brauchen wir, keine Frage. Aber ob es wirklich (nur) diese Eigenschaften sind, die Mitarbeiter motivieren und glücklich machen, müssen wir vielleicht überdenken. Die gar nicht so neue und anscheinend weitgehend ignorierte Studie “Boss Competence and Worker Well-Being” aus dem Jahr 2014, bei der 35.000 Angestellte befragt wurden, lässt sich nämlich zu einer überraschend simplen Aussage zusammenfassen: Angestellte sind deutlich zufriedener, wenn sie einen Chef mit hoher Fachkompetenz haben. Da Kompetenz ein schwer zu definierender Begriff ist, haben die Forscher sie in drei Faktoren aufgeteilt. Die Mitarbeiterzufriedenheit steigt, wenn ein Chef…

  • …im Notfall die Aufgaben seiner Mitarbeiter übernehmen könnte.
  • …sich innerhalb des Unternehmens von der Pike an hochgearbeitet hat.
  • …hohe fachliche oder technische Expertise im Kerngeschäft besitzt.

Wie passt das mit der allgemeinen Ansicht zusammen, dass Fachkompetenz für Führungskräfte nicht so wichtig ist, da sie ja nicht operativ arbeiten, sondern “nur führen” sollen? Dass es keine gute Idee sei, einen Ingenieur andere Ingenieure führen zu lassen oder einen Programmierer andere Programmierer? Dabei ist die Sache mit der Fachkompetenz gar nicht so abwegig. Wenn man Leute nach den Gründen fragt, warum sie gekündigt haben, kommt eher selten der Hinweis auf mangelnde Soft Skills und Management-Qualitäten des Chefs. Viel öfter jedoch die Klage, dass der Chef null Ahnung vom Geschäft hatte, trotzdem alles besser wusste und Ziele vorgab, die sich angesichts geringster Kenntnis der Materie als unsinnig herausgestellt hätten.

Unternehmen mit fachkompetenten Chefs sind erfolgreicher

Es fällt einfach leichter, einen Chef zu akzeptieren und zu respektieren, der ein absoluter Experte auf seinem Gebiet ist. Es fällt leichter, einem solchen Chef zu verzeihen, wenn er manchmal chaotisch agiert und seine Marotten auslebt. Ein Chef, der weiß wovon er redet, gibt mir das Gefühl, dass er mich weiterbringen und ich von ihm lernen kann. Ein Chef, der das Geschäft von Grund auf kennt, gibt mir die Sicherheit, dass er mich in brenzligen Situationen unterstützen und mir Lösungen aufzeigen kann.

Die höhere Mitarbeiterzufriedenheit unter fachlich kompetenten Chefs sorgt nicht nur für glückliche Gesichter, sondern selbstredend auch für höhere Produktivität, für niedrigere Fluktuation und im Endeffekt für mehr wirtschaftlichen Erfolg. Verschiedene Forschungen zeigen, dass die Performance von Kliniken oder Universitäten steigt, wenn sie von Doktoren oder Forschern geleitet werden, anstatt von fachfremden Managern. Genauso sind Sportteams tendenziell erfolgreicher, wenn der Trainer selbst eine Spielerkarriere in seinem Lebenslauf aufweisen kann. Ob das nur an der höheren Motivation der Mitarbeiter beziehungsweise Spieler liegt, oder ob fachlich versierte Chefs auch objektiv bessere Entscheidungen treffen, das sei einmal dahingestellt.

Ihre Fachkompetenz ist der größte Hebel für Produktivität

Um es nochmal zu betonen, natürlich gibt es unzählige Faktoren, die die Zufriedenheit von Angestellten beeinflussen. Doch kein Faktor besitzt auch nur annähernd die gleiche Relevanz wie die fachliche Expertise der Führungskraft. Wenn Sie Chef sind, heißt das im Klartext: Ihr Fachwissen über ihr Kerngeschäft ist der größte Hebel, um die Zufriedenheit und damit die Produktivität ihrer Mitarbeiter zu steigern! Wenn Sie Führungskraft auf C-Level oder Bereichsebene sind, trifft das Gleiche auf die Leute zu, die sie zu Team- oder Abteilungsleitern machen.

Wie Sie diese Erkenntnis konkret für sich umsetzen, das kann ich Ihnen nicht sagen. Selbst wenn es zeitlich umsetzbar wäre, ist “wieder mehr operativ arbeiten” für Führungskräfte ja nicht gerade der beste Tipp. Aber vielleicht leitet Sie der vorliegende Text, wenn Sie auswählen, welches Buch Sie als nächstes lesen oder welches Seminar Sie als nächstes besuchen? Oder vielleicht beschließen Sie, Ihren Mitarbeitern wieder etwas besser zuzuhören, wenn diese über technische Details philosophieren? Oder Sie überdenken, wem aus Ihrem Team Sie demnächst mehr Verantwortung übertragen wollen? Was immer Sie tun, Sie wissen jetzt, was das höchste Kompliment ist, dass ihre Mitarbeiter Ihnen machen können: “Der isch vom Fach!”

Ihr Sascha Frank

Bild: Fotolia – kudosstudio

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